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Buchbesprechung

Bärenreiter/Metzler
ISBN 3-476-01805-9 Stuttgart/Weimar, 2000

Pierre Boulez
Leitlinien.
Gedankengänge eines Komponisten. Aus dem Französischen von Josef Häusler.

450 S.

34,90 €

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3-476-01805-9

Man mag sich fragen, was so unterschiedliche Reflexionswege wie „Leitlinien“ und „Gedankengänge“ miteinander gemein haben. Immerhin handelt es sich bei ersterem um konkrete Zielsetzungen, die an der Spitze einer Gedanken- und Handlungshierarchie stehen, und im zweiten Falle um die lose Folge von Betrachtungen. Der Titel des bei Bärenreiter/Metzler herausgegebenen Bandes mit Vorträgen des Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez – die Erstausgabe wurde bereits 1989 von Jean-Jacques Nattiez in französischer Sprache veröffentlicht – verspricht beides. Wer infolgedessen eine Art Unterweisung im Tonsatz erwartet oder einen systematisch aus-gearbeiteten musik-ästhetischen Handlungsrahmen, der von einem der profiliertesten Komponistenvertreter der Gegenwart entwickelt wurde, wird wohl enttäuscht sein.

Der französische Philosoph Michel Foucault, auf den Serialismus in der Musik aufmerksam geworden, hatte Pierre Boulez 1976 an das Pariser Collège de France berufen. Der Komponist war damit der erste Musiker, der an dieser „Volkshochschule“ für Akademiker und akademisch Interessierte lehren sollte. Bis 1995, als er 70 Jahre alt wurde, las er dort als Honorarprofessor. Die vorliegenden Vorträge entstanden in den Jahren 1978 bis 1988 auf dem Weg vom avantgardistischen Bürgerschreck der Nachkriegszeit hin zur gefeierten Ikone der klassischen Moderne. Glaubt man den Medien, so scheint BoulezÕ Leben derzeit aus einer einzigen Laudatio zu bestehen. Dementsprechend könnte diese Schrift das Zeug zum Standardwerk eines Klassikers des zwanzigsten Jahrhunderts haben, Pflichtlektüre für jeden, der sich mit Neuer Musik befaßt. Zu Recht weist Josef Häusler, der die Vorlesungsreihe übersetzte, darauf hin, daß „ein gewisses Maß an musikalischer Allgemeinbildung, an Vertrautheit mit der Musik des 20. Jahrhunderts und ihrer Geschichte“ als Basis zum Verstehen nötig sei. Zumindest muß man sich für die theoretische Vertiefung abstrakter musikästhetischer Begriffe, die den schöpferischen Prozeß betreffen wie „Erfindung“ oder „Idee“, oder solche, die das musikalische Material angehen wie „Thema“ und „Form“ erwärmen, ansonsten bleibt zu vieles nebulös, unverständlich oder gar uninteressant.

Boulez untersucht die gesamte Entwicklung der Komposition vom ersten Keim der Idee bis zum Vortrag im Konzertsaal. Analytisch minutiös seziert er den Verlauf der Gestaltwerdung eines Werkes. Mit der strukturellen Präzision, die ihn auch als Dirigent auszeichnet, atomisiert er Prozesse und versucht dadurch, die musikalische Wahrnehmungs-tätigkeit ins Bewußtsein zu rücken. Dies interessiert ihn besonders vom Produzenten, also vom Komponisten aus gesehen. Aber auch die Mechanismen der Musikrezeption, die Haltung des Musikhörenden, stehen im Fokus seiner Reflexionen. Die Entscheidung für eine konkrete Form, in der sich die kompositorische Idee manifestiert, sieht er im Zusammenhang mit der Verantwortung des Komponisten. Folgerichtig kritisiert er den Sinn der musikwissenschaftlichen Analyse, wenn sie den Code bzw. die Sprache, die eine Komposition durch den Prozeß der Realisierung einer ursprünglichen Idee erlangt, lediglich umsetzt in einen anderen – einen musiktheoretischen – Code.

BoulezÕ Betrachtungsweise ist kennzeichnend für die Entstehungszeit seiner Vorträge. Dazu gehört ebenso das damals populäre Bemühen, die materielle Gestalt vom Geistigen abzuheben wie auch das Thematisieren der gesellschaftlichen Verantwortung als notwendige kommunikative Handlung des Künstlers. Seine Haltung ist somit aber auch gekoppelt an die Verhaftung im Selbstreferentiellen. Infolgedessen findet bei ihm der Einfluß des Publikums, das die scheinbar rein eigenverantwortlich getroffenen Entscheidungen des Komponisten beherrschen kann – und das ihn heute zum Medienstar macht –, nur oberflächlich Berücksichtigung.

Astrid Konter (1.10.2001)

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