Seit zwei Jahrzehnten gehört Sofia Gubaidulina zusammen mit Alfred Schnittke und Edison Denissow zu den führenden, weltweit anerkannten Komponisten Russlands der Ära nach Schostakowitsch. Alle drei werden denn auch von der gegenwärtigen russischen Musikgeschichtsschreibung als die Vertreter der einheimischen Avantgarde ausgewiesen. Dennoch unterscheidet sich das Oeuvre Sofia Gubaidulinas von dem ihrer beiden unlängst verstorbenen Weggefährten in vieler Hinsicht. Ihre überwiegend religiös geprägten Werke, in denen sie durch eigenwillige Spieltechniken neue Klangmuster erprobt, mit Formen und Strukturen experimentiert und ungewöhnliche Verbindungen zwischen textlichem und musikalischen Material herstellt, zeichnen sich vor allem durch unbeirrbare Eigenständigkeit aus. Überzeugende Beispiele dafür bieten etwa die während des Europäischen Musikfestes 2000 in Stuttgart vom St. Petersburger Kammerchor und dem Chor und Orchester des Mariinsky-Theaters St. Petersburg unter Valery Gergiew uraufgeführte Johann es-Passion und der bereits 1997 entstandene Sonnengesang.
Jetzt hat Michael Kurtz, der bereits in den achtziger Jahren mit seiner Stockhausen-Biografie ein Standardwerk zur Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts verfasste, die erste umfassende Biografie von Sofia Gubaidulina vorgelegt. Seine Darstellung beruht auf zahlreichen Gesprächen mit der Komponistin, ihren Verwandten, Freunden und Interpreten und lässt bedeutende Zeitgenossen der Musikwelt zu Wort kommen. Kurtz versteht es, das ganz dem Werk zugetane Leben Sofia Gubaidulinas in seinem historischen Kontext zu erhellen. In zwölf Kapiteln folgt er ihrem Weg von den Terrorjahren des Stalinismus bis zur Emigration nach Deutschland Anfang der neunziger Jahre.
Geboren 1931 in Tschistopol an der Wolga als Tochter eines tatarischen Ingenieurs und einer russischen Lehrerin, besuchte Gubaidulina ab 1946 das Musikgymnasium in Kasan, der Hauptstadt der Republik Tataria, ehe sie von 1949 bis 1954 am Konservatorium Klavier und Komposition studierte. Anschließend setzte sie am Moskauer Konservatorium bei Nikolaij Pejko, dem Assistenten Schostakowitschs, ihr Kompositionsstudium fort. Wie Kurtz berichtet, verdankt Sofia Gubaidulina ihrem Lehrer auch eine kurze persönliche Begegnung mit Schostakowitsch, der sich ihre Examensarbeit anhörte. „Seien Sie Sie-selbst, haben Sie keine Angst, Sie-selbst zu sein. Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf Ihrem eigenen falschen Weg weitergehen“, zitiert Kurtz Schostakowitschs Worte, die für Gubaidulina lebenswichtig waren: „Ich war nun wirklich in der Lage, meinen eigenen Weg zu gehen.“
Der eigene Weg, der zugleich ein Weg der Vertiefung und Verinnerlichung war, begann 1965 mit den „Fünf Etüden für Harfe, Kontrabass und Schlagzeug“. Nach drei Jahren Arbeit als Assistentin Wissarion Schebalins hatte sich Gubaidulina 1963 in Moskau als freischaffende Komponistin niedergelassen. Während sie ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Filmmusik verdiente, widmete sie sich ganz ihrem kompositorischen Schaffen. Eindringlich beschreibt Kurtz immer wieder die Unbedingtheit, mit der Sofia Gubaidulina sich dem Komponieren hingab, hinter dem alles andere nur zweitrangig war. 1968 und 1969 entstanden die Kantaten Nacht in Memphis und Rubayat. Im Jahr darauf begann Gubaidulina im elektronischen Studio des Skrjabin-Museums zu arbeiten, um ein Werk mit den Klängen des ANS-Synthesizers zu komponieren.
Gleichzeitig setzte sie sich in jenen Jahren intensiv mit religiösen Fragen auseinander, die nicht nur dazu führten, dass sie sich unter dem Einfluss der Pianistin Maria Judina taufen ließ, sondern fortan auch ihr kompositorisches Schaffen prägten. Wie Kurtz ausführt, begann 1971 mit dem Kammermusikwerk Concordanzia ein neuer Abschnitt in Gubaidulinas Einstellung zum Komponieren. 1973 komponierte sie in Anlehnung an die Graduale der Liturgie ihr erstes großes Werk für Orchester: Stufen. Doch wie viele andere ihrer bis dahin geschriebenen Kompositionen muss Kurtz auch dieses zu Gubaidulinas „Schubladenwerken“ zählen. Denn es dauerte 17 Jahre, ehe es seine Uraufführung erlebte.
Als bedeutsam für Gubaidulinas weitere kompositorische Arbeit bezeichnet Kurtz die Improvisationsgruppe „Astreja“, die Gubaidulina zusammen mit den Komponisten Wjatscheslaw Artjomow und Viktor Suslin ins Leben rief. Ziel der Gruppe, an der zeitweilig auch Alfred Schnittke und andere Komponisten mitwirkten, war es, mit Instrumenten und Klängen zu experimentieren. Doch trat die Gruppe auch öffentlich auf. Als sie sich 1981 im Zuge der Emigration Viktor Suslins nach Deutschland auflöste, benannte Gubaidulina drei Erfahrungsbereiche die in „Astreja“ für sie besonders wichtig gewesen waren: „die Entwicklung der Klangfantasie, die Entwicklung der Spontaneität und die Erfahrungen rein psychologischer Art. Diese Momente waren sehr selten, aber sie fanden statt – und es waren unsere besten Augenblicke.“
In den achtziger Jahren begann sich das Blatt allmählich zu Gunsten von Sofia Gubaidulina zu wenden. Zwar unternahmen die sowjetischen Stellen weiterhin alles, um Aufführungen ihrer Werke zu verhindern. Im Ausland jedoch zählte man sie längst zu den führenden Komponisten. 1981 hatte Gidon Kremer im Rahmen der Wiener Festwochen ihr Violinkonzert Offertium uraufgeführt und 1986 erhielt sie überraschend die Erlaubnis zu Kremer Kammermusikfestival ins österreichische Lockenhaus auszureisen, wo ihr Werk Perception aufgeführt wurde. Im selben Jahr reiste sie zur Uraufführung ihrer Sinfonie Stimmen... verstummen... nach Berlin. „Mit bewundernder innerlicher Kraft trifft diese Musik, wie prismatische tragische Leben – Liebe – Erregungen, auf uns erstrahlend“, zitiert Kurtz das Urteil Luigi Nonos über das Werk.
Endlich wurde Sofia Gubaidulina jene Wertschätzung zuteil, die ihrem Werk gebührte. Sie war weltweit berühmt und weltweit gefragt. Die zweite Hälfte widmete sie ganz dem Reisen. Sie wohnte den Aufführungen ihrer Werke in Europa, den Vereinigten Staaten und Japan bei. Aber während die ersten Jahre der Perestroika unter der Intelligenzia als große Befreiung empfunden wurden, die das Kulturleben aufblühen ließ, wurden die Lebensbedingungen zu Beginn der neunziger Jahre immer schlechter. 1991 fasste Sofia G ubaidulina den Entschluss, Moskau zu verlassen und sich in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen.
Wie ihr Biograf zusammenfassend feststellt, verlief Gubaidulinas Leben jeweils parallel zu den großen Perioden des Sowjetsystems: „Die Stalin-Ära verbrachte sie in Kasan, unter Chruschtschow studierte sie in Moskau und suchte ihren eigenen Weg, in der Breschnew-Zeit gehörte sie zu der kleinen Gruppe nicht angepasster Komponisten und führte ein schweres Dasein. Erst unter Gorbatschow durfte sie reisen – und während des Zusammenbruchs der Sowjetunion ist sie nach Deutschland ausgewandert.“ Ungeachtet dieser Parallelen apostrophiert Michael Kurtz Sofia Gubaidulina nicht als sowjetische Komponistin: „...in ihren Werken verschmelzen russische, orientalische und europäische Geisteshaltungen zu einer Musik, die nicht mehr ,östlich‘ oder ,westlich‘ ist, sondern von allen Menschen als universale Sprache erlebt werden kann.“
Versehen mit einem Geleitwort von Mstislaw Rostropowitsch, reichhaltigem Bildmaterial, Anmerkungen, Literaturverzeichnis, Werkliste, Diskografie etc. erfüllt diese – von Sofia Gubaidulina autorisierte – sorgfältig edierte Biografie alle Voraussetzungen eines für lange Zeit gültigen Standardwerkes sowohl zur Person der Komponistin und ihrem Werk wie zur russischen Musikgeschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Adelbert Reif (2.12.2002)