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Besprechung CDFelix Mendelssohn Bartholdy

Felix Mendelssohn Bartholdy

Complete String Quartets
Minguet Quartett

cpo 555 795-2

4 CD • 3h 59min • 2009, 2013, 2016, 2018

27.04.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Mit der vorliegenden Neuerscheinung, einmal als Einzel-CD, einmal wie hier als 4-CD-Box, komplettiert das Minguet Quartett seinen Zyklus der Streichquartette von Felix Mendelssohn Bartholdy, ergänzt um das Quartett Es-Dur seiner Schwester Fanny Hensel. Mit inbegriffen sind dabei sowohl Mendelssohn Bartholdys frühes Es-Dur-Quartett von 1823 als auch die posthum zusammengestellten und veröffentlichen Stücke op. 81. Die Aufnahmen selbst datieren von 2009 (CD 1) bis 2018 (CD 4).

Der Impetus der Musik

Vieles, was die Mendelssohn-Einspielungen des Minguet Quartetts generell charakterisiert, wird auch in der jüngsten Folge rasch offenbar, wenn man etwa den Beginn des Streichquartetts Nr. 5 Es-Dur op. 44 Nr. 3 hört. Das Ensemble interessiert sich insbesondere für das Drängende, Kraftvoll-Energische, Pulsierende dieser Musik, was speziell im Falle dieses Satzes, dessen Hauptthema ja durchaus Beethoven’sche Züge trägt (man denke etwa an dessen Cellosonate op. 102 Nr. 2), nicht unpassend erscheint. Andererseits zeigt der 2. Satz auf, dass das Minguet Quartett dabei nicht um jeden Preis auf Tempo und Kontraste setzt; die Dynamikunterschiede gegen Ende des Satzes gestaltet das Quartett eher dosiert. Ähnliches geschieht auch im Finale des Werks, das nicht in äußerstem Tempo genommen wird, wohl aber insbesondere das homogene, ausgefeilte Ensemblespiel des Minguet Quartetts, seine Fähigkeit zur Herausarbeitung polyphoner Strukturen ausgezeichnet dokumentiert.

Substanz, Passion und Elfenspuk

Dass die Lesarten des Quartetts freilich im Grundsatz sehr wohl eher auf einem gewissen Vorwärtsdrang basieren, ist wiederum im Adagio an dritter Stelle nachzuvollziehen, das weniger aus einer Position der Ruhe heraus verstanden wird, sondern eher von Beginn an mit zumindest unterschwelliger Spannung: Crescendi gehen in der Regel auch mit gesteigerter Erregung einher. Souverän gestaltet mit großem Bogen wiederum die Rückkehr zur Musik des Beginns am Ende des Mittelteils. Wenn den Interpretationen des Minguet Quartett vielleicht eine leichte Kühle innewohnt, dann bis zu einem gewissen Grade auch aufgrund der Akustik; alle vier CDs sind in Kirchen eingespielt worden, bis auf die erste CD in der Ev. Kirche Honrath – der Klang ist zwar nicht übermäßig hallig, aber eben auch nicht unbedingt kammermusikalisch-intim. Dies korrespondiert zugleich mit dem eher wachen als warmen (dabei sehr wohl intensiven) Ansatz des Quartetts, der in Mendelssohns Quartetten speziell das Substantielle, Passionierte herauskehrt, wobei auch der Elfenspuk mancher Scherzi (op. 44 Nr. 2, op. 81 Nr. 2) ausgezeichnet gelingt.

Empfindsam-fantasievolle Komponente

Als eine Art Zugabe, eine sinnige allerdings, nicht zuletzt angesichts der Entstehungsumstände des Quartetts Nr. 6 f-moll op. 80, das ja dezidiert eine Reaktion auf den Tod der Schwester darstellt, hat das Minguet Quartett Fanny Hensels Streichquartett Es-Dur aus dem Jahre 1834 mit in seine Gesamteinspielung aufgenommen. In den letzten Jahren hat dieses Werk eine nicht unbeträchtliche Popularität erreicht, und in der Tat handelt es sich um ein durchaus interessantes Stück, obschon nicht ganz ohne Schwächen. So reizvoll etwa die Idee ist, das Werk mit einem Adagio beginnen zu lassen: völlig hält der Satz nicht, was er verspricht. Hier wirkt sich der recht freie, mit wohldosiertem Rubato und gelegentlichen Portamenti arbeitende Ansatz des Minguet Quartetts ungemein positiv aus: der Satz entsteht so gewissermaßen aus anfänglichem Zögern heraus und findet erst allmählich zu einiger Intensität, wird mit einem besonderen Fokus auf der empfindsam-fantasievollen Komponente versehen, was ihm sehr gut bekommt. Während der Mittelteil des folgenden Allegrettos (von ihrem Bruder, der dem Werk insgesamt eher ambivalent gegenüberstand, gemeinsam mit dem 3. Satz besonders geschätzt) vielleicht eine Spur zu wuchtig wirkt, erscheint die emotionale Balance der Romanze an dritter Stelle sehr gelungen realisiert, durchaus mit gewissem Drama, das aber nicht existenziell ausfällt. Insgesamt eine lohnenswerte Entdeckung neben Fannys eigentlichem kammermusikalischen Hauptwerk, ihrem Klaviertrio nämlich, in einer in der Totalen sehr guten Einspielung.

Hochklassige, dynamisch grundierte Gesamteinspielung

Lesenswert die begleitenden Essays von Matthias Corvin. So begegnet man einer hochklassigen Gesamteinspielung von Mendelssohns Quartetten durch ein virtuoses, ausgezeichnet aufeinander abgestimmtes Ensemble, dessen Schwerpunkte in der dynamischen, energisch-impulsiven, substantiellen Realisierung von Mendelssohns Partituren liegen, ohne dabei in Extreme zu verfallen.

Holger Sambale [27.04.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Felix Mendelssohn Bartholdy
1Streichquartett Nr. 2 a-Moll op. 13 00:28:30
5Streichquartett Nr. 6 f-Moll op. 80 00:25:00
CD/SACD 2
1Streichquartett Nr. 1 Es-Dur op. 12 00:23:40
5Andante sostenuto E-Dur op. 81 Nr. 1 für Streichquartett (Tema con variazioni) 00:06:21
6Scherzo a-Moll op. 81 Nr. 2 für Streichquartett 00:03:27
7Capriccio e-Moll op. 81 Nr. 3 für Streichquartett 00:05:42
8Fuge Es-Dur op. 81 Nr. 4 für Streichquartett 00:05:32
9Streichquartett Es-Dur MWV R18 00:26:39
CD/SACD 3
1Streichquartett Nr. 3 D-Dur op. 44 Nr. 1 00:30:11
5Streichquartett e-Moll op. 44 Nr. 2 00:27:59
CD/SACD 4
Fanny Mendelssohn-Hensel
1Streichquartett Es-Dur H 277 00:20:54
Felix Mendelssohn Bartholdy
5Streichquartett Nr. 5 Es-Dur op. 44 Nr. 3 00:35:00

Interpreten der Einspielung

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