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Besprechung CDWilhelm Grosz

Wilhelm Grosz

Piano Music • 2
Gottlieb Wallisch

Grand Piano GP956

1 CD • 69min • 2025

17.05.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Er muss eine vielseitige, ja schillernde Gestalt gewesen sein mit einer bewegten Vita, der gebürtige Wiener Wilhelm Grosz (1894–1939): Schüler von so prominenten Namen wie Franz Schreker, Robert Fuchs oder Guido Adler, Pianist, Komponist, Dirigent, promovierter Musikwissenschaftler, Arrangeur und vieles mehr, nicht zuletzt künstlerischer Leiter einer Schallplattengesellschaft, nebenher Protagonist eines veritablen Skandals im Hause Arthur Schnitzler. Sein Lebensweg führte ihn Ende der 1920er Jahre nach Berlin, die Flucht vor den Nationalsozialisten dann 1934 nach London und schließlich 1939 auf Empfehlung Korngolds in die USA, wo er nur wenige Monate nach seiner Ankunft gerade einmal 45-jährig einem Herzinfarkt erlag.

Eine breite Palette von Genres und musikalischen Strömungen

So facettenreich wie all dies ist auch Grosz’ Musik, die von Orchesterwerken über Kammermusik, Bühnenwerken und Liedern bis hin zu Filmmusik und Schlagern reicht und auch stilistisch eine breite Palette abdeckt von Spätromantik und Schreker-Nachfolge bis hin zu dezidierter Unterhaltungsmusik. Ganz offensichtlich nahm Grosz rege teil an der Vielzahl von Strömungen und Stilen der 1920er Jahre (solange diese im Rahmen der Tonalität blieben) und baute sie in seine eigenen Werke ein, ein wenig wie in einem Schmelztiegel, stets sehr gekonnt und mit großer Souveränität. Dies spiegelt sich auch in seiner Klaviermusik wider, die Gottlieb Wallisch aktuell für Grand Piano in ihrer Gesamtheit einspielt, einem Œuvre, das Grosz’ gesamtes Schaffen abdeckt und in dem man in nuce etliche Aspekte wiederfindet, die für seine Musik insgesamt typisch sind – exemplarisch nachzuvollziehen anhand der drei Originalwerke auf diesem Album, die unterschiedliche Perioden seiner künstlerischen Genese repräsentieren.

Vollgriffiger Klaviersatz und weiträumige Anlage

Das früheste hier vertretene Werk sind die Symphonischen Variationen über ein eigenes Thema cis-moll op. 9, 1919/20 kurz nach Beendigung seiner (Kompositions-) Studien entstanden und auf dem Eröffnungskonzert der allerersten Ausgabe jenes Festivals uraufgeführt, das heute als Donaueschinger Musiktage bekannt ist. Sinfonisch ist an diesem Werk vieles (mal abgesehen von der offensichtlichen Schumann-Hommage des Titels): der über weite Strecken vollgriffige, opulente, ja orchestrale Klaviersatz, die weiträumige Anlage des etwa halbstündigen Stücks, dessen einzelne Variationen sich quasi zu vier Sätzen wie denen einer Sinfonie zusammenfassen lassen und kurz vor Schluss einen großen Bogen zum Anfang schlagen, der insgesamt durchaus dramatisch geschärfte Grundtonfall der Musik („breit und festlich, mit voller Kraft“ – allerdings auch einigem Ernst, wie man ergänzen möchte), das Interesse an kontrapunktischer Arbeit. Es ist eigentlich erst das Finale, das etwas schwächer, weil episodischer erscheint, doch auf der anderen Seite erlaubt sein kaleidoskopisches Nebeneinander von Einflüssen im Kontext von Grosz’ Gesamtschaffen bereits eine Art Ausblick auf Kommendes, hier noch im Rahmen einer grundsätzlich spätromantischen Tonsprache.

Klassizismus, Humor und Einflüsse von Filmmusik

Nur wenig später entstanden, ist die Kleine Sonate D-Dur op. 16 (1922) deutlich kompakter, in den Ecksätzen mit entschieden klassizistischem, durchaus humorvollem, auch kessem Einschlag. Das Trio des Scherzos verweist auf Grosz’ aufkeimendes Interesse an der Unterhaltungsmusik, ohne ein stilistischer Fremdkörper zu sein, alles sehr organisch miteinander verwoben, während das Lied des 3. Satzes, das sich zu einiger Emphase aufschwingt, mit seinen metrischen Irregularitäten und dem pastoralen Tonfall an russische Musik erinnert. Natürlich ist bei alledem der Klaviersatz selbst stets prachtvoll und zeugt von überaus sicherem Gespür für Klang und Effekt. 1932 entstanden, entstammen die Drei Klavierstücke op. 33 einer anderen Schaffensperiode Grosz’, nun klar von der Beschäftigung mit Jazz, aber auch Filmmusik geprägt. Die Eckstücke sind kurze, agitierte, von kurzer, prägnanter, plastischer Motivik bestimmte Skizzen, während die Elegie in der Mitte einerseits treffend „wienerisch“ überschrieben ist, gleichzeitig aber auch entschiedene Bluesanklänge ausweist – ein überaus gelungener Spagat, ebenso leger wie morbide, mit schwärmerischem Dur-Kontrast im Mittelteil. Bezeichnend übrigens, dass nach den Noten dieses kleinen Zyklus offenbar regelrecht „gefahndet“ werden musste – Grosz’ Opus 1, Variationen über ein Thema von Grieg ebenfalls für Klavier, ist laut Beiheft verschollen.

Mit dem größten Vergnügen

Den Arrangeur Wilhelm Grosz erlebt man schließlich am Ende des Albums mit zwei Strauß-Walzern, den Accellerationen und dem berühmten Donauwalzer, von Grosz mit gewissen Freiheiten wie Kürzungen oder leichten Anpassungen stilsicher und mit Charme für Klavier gesetzt. Wallisch ist ein famoser Advokat dieser Musik, vielleicht besonders hervorzuheben die Flexibilität, die Geschmeidigkeit und Präzision, mit der er die vielgestaltigen Charaktere herauszuarbeiten versteht, die für Grosz’ Musik so typisch sind. Ausgezeichnet auch der sorgfältige, engagierte, in seiner Benennung der Eigenheiten von Grosz’ Schaffen im Allgemeinen und Speziellen sehr hilfreiche Begleittext von Wallisch selbst und Thomas Gayda. Ein Album, das ich mit dem größten Vergnügen gehört habe!

Holger Sambale [17.05.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Wilhelm Grosz
1Kleine Sonate op. 16 00:15:25
5Symphonische Variationen über ein eigenes Thema op. 9 00:28:27
22Phantastic Scherzo op. 33 Nr. 1 00:04:15
23Viennese Elegy op. 33 Nr. 2 00:05:26
24Perpetuum mobile op. 33 Nr. 3 00:02:34
Johann Strauß (Sohn)
25Accelerationen-Walzer op. 234 (arr. Wilhelm Grosz) 00:05:11
26An der schönen blauen Donau op. 314 (Walzer; arr. Wilhelm Growz) 00:07:33

Interpreten der Einspielung

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