Bach
The French Suites
Cédric Pescia
la dolce volta LDV 130.1
2 CD • 1h 38min • 2024
03.05.2026
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Klassik Heute
Empfehlung
Cédric Pescia ist ein neuer Name bei Klassik Heute, obwohl er bereits eine erhebliche Anzahl von CDs eingespielt hat, die sein mannigfaltiges Repertoire von Couperin bis Cage dokumentieren. Nachdem er bereits J. S. Bachs Kunst der Fuge, die Goldberg-Variationen und beide Teile des Wohltemperierten Claviers eingespielt hat, widmet der sich in seiner neuesten Aufnahme dessen Französischen Suiten. Hierbei ändert er die Anordnung in 3-6-1-4-2-5, weil es sich diese Form für ihn im Konzert bewährt hat und die originale Reihung mit dreimal Moll und dreimal Dur in der Tat zu wenig Kontrast bietet.
Wieso eigentlich „Französisch“?
Bach überschrieb jede der Suiten mit Suite pour le Clavessin. Nachdem es – wohl durch die Bach-Söhne kolportiert – beim ersten Bach-Biographen J. N. Forkel hieß, dass die großen 6 Suites avec Prélude für einen reichen Engländer komponiert worden seien, erhielten sie den Namen Englische Suiten. Um nun die sechs kleiner gehaltenen Suiten von diesen und den 6 Partiten unterscheiden zu können, bezeichnete man sie als „französisch“, obwohl die beiden Airs und einige Couranten eher italienisch inspiriert sind. Ob die Geschichte mit den Englischen so stimmt, wird heute bezweifelt. Der „englische“ Einfluss ist eher auf die Suiten des in London wirkenden Franzosen Charles Dieupart zurückzuführen, die Bach eigenhändig abschrieb und an deren Satzmodelle er sich anlehnte.
Die Stücke entstanden primär als Unterrichtsmaterial für stilisierte Tänze und deren Verzierungen. Als Vorstufe dienten die Inventionen und Sinfonien, den Abschluss bildeten dann das Wohltemperierte Clavier und die Partiten.
Die Qual der Quellenwahl
Bach konzipierte die ersten fünf der Französischen Suiten um das Jahr 1722 auf losen Blättern, die jetzt den Hauptcorpus des ersten Klavierbüchleins für Anna Magdalena Bach darstellen. Ob sie nur im ansonsten leeren Buchdeckel aufbewahrt wurden und was mit dem Rest des Bandes geschah, kann nicht mehr eindeutig festgestellt werden. Interessant, dass er, wenn der Platz nicht reichte zur Notation auf die deutsche Orgeltabulatur zurückgriff. Die ersten beiden Suiten finden sich in Reinschrift im Klavierbüchlein von 1725. Wenig später muss Bach eine komplette Reinschrift aller 6 Kompositionen angefertigt haben, die mehrere seiner Schüler für den Gebrauch im Klavierunterricht kopierten. Dadurch entstanden zwei wesentliche Varianten, die in Abschriften von Johann Nikolaus Gerber und Bernhard Christian Kayser, die zwischen 1727 und -30 entstanden, zusätzliche Verzierungen sowie Abweichungen in der Melodieführung enthalten und den Suiten 4 und 6 ein Präludium voranstellen. Diese wurden in der Neuen Bach Ausgabe als „Fassung B“ veröffentlicht. Bachs späterer Schwiegersohn Johann Christoph Altnickol kopierte um 1744/5 die ursprüngliche Reinschrift, die die „Fassung A“ darstellt. Somit haben Interpreten hier die Möglichkeit Sätze anhand der Fassungen auszuwählen und Anregungen für zusätzliche Verzierungen.
Interpretatorische Synthese
Cédric Pescia, der auch Erfahrung als Cembalist hat, eignerte sich die Suiten zunächst auf dem Clavichord an, wie es wohl auch die Schüler Bachs getan haben, die dann danach ans große Cembalo des Lehrers durften. Pescia benutzt stattdessen einen hellklingenden Steinway und erweist sich als ein würdiger Vertreter der fein-ziselierenden, anschlagssensiblen französischen Klavierschule. Dabei bringt er die Vorzüge der aktuellen Referenzeinspielungen – versonnene Allemanden und Sarabanden à la Evgeny Koroliov und gestochene-leichtfüßige Couranten und Giguen à la Murray Perahia – hierin András Schiff und Angela Hewitt definitiv überlegen – gleichermaßen ein. Zudem verziert er wesentlich ausgiebiger und teilweise entschieden frecher als seine Vorgänger. Da sich erste und zweite Suite stimmungsmäßig sehr ähnlich sind und die Anordnung des Komponisten, der ja nie an eine zyklische Aufführung aller sechs Werke gedacht hat, eher zufällig wirkt, ist auch gegen die für den Konzertsaal wesentlich elegantere Umsortierung des Interpreten nichts einzuwenden.
Die Aufnahmetechnik fängt den hellen, transparenten Klang des – wenn ich richtig höre – leicht ungleichschwebend gestimmten Flügels exzellent ein. Pescias Ausführungen im Booklet sind durchaus lesenswert.
Fazit: Eine neue Aufnahme, die sich im Top-Segment der bisherigen Interpretationen bewegt, diesen jedoch in puncto phantasievoller und dabei stilsicherer Ornamentik überlegen ist. Das macht sogar mir als Anhänger der „Bach-nur-auf historischen-Tasteninstrumenten“-Fraktion, der allerdings auch Perahia und Koroliov schätzt, Spaß. Definitiv empfohlen!
Vergleichsaufnahmen:
Andras Schiff, Decca – Murray Perahia, Deutsche Grammophon, Angela Hewitt, Hyperion – Evgeny Koroliov, Tacet.
Thomas Baack [03.05.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Johann Sebastian Bach | ||
| 1 | Französische Suite Nr. 3 h-Moll BWV 814 | 00:17:04 |
| 7 | Französische Suite Nr. 6 E-Dur BWV 817 | 00:16:44 |
| 14 | Französische Suite Nr. 1 d-Moll BWV 812 | 00:15:40 |
| CD/SACD 2 | ||
| 1 | Französische Suite Nr. 4 Es-Dur BWV 815 | 00:14:21 |
| 8 | Französische Suite Nr. 2 c-Moll BWV 813 | 00:15:56 |
| 14 | Französische Suite Nr. 5 G-Dur BWV 816 | 00:17:45 |
Interpreten der Einspielung
- Cédric Pescia (Klavier)
