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Besprechung CDKlanglandschaften

Klanglandschaften

Anno Schreier Kammermusik und Lieder

Écoutez 0730706018916

1 CD • 71min • 2025

16.06.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Der 1979 in Aachen geborene, heute in Freiburg lebende Komponist Anno Schreier, Schüler von Manfred Trojahn, gehört zu den Außenseitern der gegenwärtigen Musik-Avantgarde. In vielen Stilrichtungen zuhause, will er sich nirgends einordnen lassen und sucht konsequent, Traditionen aufnehmend und weiterentwickelnd, seinen eigenen künstlerischen Weg. Die hier vorgestellten Kompositionen stammen – mit einer Ausnahme – aus jüngerer Zeit, konkret den Jahren 2019/21, und markieren laut Booklet einen Stilwandel in seinem Schaffen.

Landschaft als Idee

Das Thema „Landschaft“ hat Schreier in seinen Arbeiten immer wieder beschäftigt, wobei ihn die Landschaft der nördlichen Eifel, die seine Kindheit geprägt hatte, besonders inspiriert. Seine musikalischen Landschaftsbilder sind aber keineswegs illustrativ oder naturalistisch, sie sind eher abstrahierende Ideen von Landschaft, die eine musikalische Form gefunden haben. Aus der Impression wird die Konstruktion abgeleitet.

Die einzige aus einer früheren Schaffensphase Schreiers stammende Komposition Drei Landschaftsbilder (2007, überarbeitet 2010) ist ein großes Solostück für das Violoncello, dessen Klangmöglichkeiten weit über die Kantilene hinausgeführt werden, mit Flageolets und Pizzicatos bis hin zur puren Geräuscherzeugung. Disparate Eindrücke eines längeren Spaziergangs durch die heimische Landschaft werden mit expressivem Nachdruck vermittelt. In Zwei Studien zu einer Landschaft (2019) wird dem Cello ein Klavier – nicht zur Begleitung, sondern als Dialogpartner – beigesellt. Die beiden Sätze bilden starke Kontraste. Der erste verläuft in der Tat „sehr ruhig“, betont die Kargheit und Sprödigkeit der Landschaft, der zweite enthüllt ihre bedrohliche Kraft in einem „treibenden Groove“. Schreier zeigt hier besonders deutlich Einflüsse der Minimal Music und der Rockmusik.

Sinnlich konkret wird die Landschaft in den drei Studien für Flöte, Viola und Violoncello (Landschaft im Schnee, 2020), die mir wie eine moderne Antwort auf Vivaldis Winterbeschreibung in I Quatro stagioni erscheinen. Der erste Satz mit den pizzicato-Teilen lässt das Fallen der Schneeflocken assoziieren, der letzte inszeniert in wild auffahrenden Sechzehntel-Reihen einen veritablen Schneesturm. Dazwischen liegt eine ruhige und sehr melodiöse Betrachtung der winterlichen Stimmung. Wie in den voraufgegangenen Klanglandschaften ist bei Schreier der Wechsel von kontemplativen und dramatisch aufgewühlten Sätzen formbestimmend.

KI als Thema

Die Vier Turing-Tests (2020) sind eine Art Vorstudie zu Schreiers Oper Turing, die 2022 in Nürnberg uraufgeführt wurde und sich mit dem britischen Mathematiker Alan Turing befasst, der das Verhältnis von maschineller und menschlicher Intelligenz analysiert hat, ein mittlerweile hochaktuelles Thema. In der Art einer viersätzigen Sonate exemplifiziert Schreier diese Test-Methode im Zusammen- und Gegeneinander-Spiel zweier Bratschen.

Hintergründiger Witz

Die kammermusikalischen Arbeiten werden in diesem Programm, das sich zu einem kleinen Komponisten-Porträt fügt, eingerahmt von Teilen aus dem Zyklus Morgenstern-Liederbuch (nach dessen Galgenliedern), der während der Corona-Zeit entstanden ist und Schreiers Begabung für das leichtere Genre offenbart. Christian Morgensterns hintersinnige Sprachspielereien, die heute, mehr als hundert Jahre nach ihrer Entstehung, den woken Zeitgeist treffen („Wird dem Huhn man nichts tun?“) fordern den Humor des Komponisten heraus, der auf die Texte mit musikalischen Spielereien antwortet, Zitaten aus Pop, amerikanischen Tanzrhythmen und klassischer Musik. Im einleitenden Galgenberg unterfüttert er die Hymne der Galgenbrüder mit Elementen der deutschen Nationalhymne. Der Hecht ist eine Parodie auf die Fischpredigt des heiligen Antonius. Bei Morgenstern wird der Raubfisch zum Vegetarier bekehrt, krepiert daran und wird schließlich von Antonius heiliggesprochen. Schreier zitiert in seinem musikalischen Kommentar nicht nur Gustav Mahlers Adaption des Wunderhorn-Lieds, sondern auch den Rosenkavalier und andere Klassiker. Die Sopranistin Katharina Ruckgaber findet in ihrem pointierten, den in Text und Musik intendierten kindlichen Ton treffenden Vortrag genau den richtigen Stil für diese Petitessen.

Authentisch

Vorzüglich sind auch die Leistungen der Instrumentalisten. Der Pianist Klaus Simon meistert seine Parts mit ruhiger Souveränität, als hätte er die Werke selbst komponiert. Die hier zum Einsatz kommenden Solisten der von ihm geleiteten Holst Sinfonietta tragen ebenfalls wesentlich zum Eindruck des authentischen Gesamtklangs bei, wobei der Cellist Philipp Schiemenz auch in spieltechnischer Hinsicht besonders gefordert ist. Das Booklet enthält neben Biographien und Liedtexten eine sehr ausführliche Einführung in die vorgestellten Werke von Cornelius Bauer.

Ekkehard Pluta [16.06.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Anno Schreier
1Galgenberg (aus: Morgenstern-Liederbuch) 00:01:21
2Das Wasser (aus: Morgenstern-Liederbuch) 00:01:10
3Nein! (aus: Morgenstern-Liederbuch) 00:02:19
4Das Huhn (aus: Morgenstern-Liederbuch) 00:01:32
5Das ästhetische Wiesel (aus: Morgenstern-Liederbuch) 00:01:23
6Der Hecht (aus: Morgenstern-Liederbuch) 00:02:06
7Zwei Studien zu einer Landschaft für Violoncello und Klavier 00:10:26
9Landschaft im Schnee (Drei Studien für Flöte, Viola und Violoncello) 00:11:16
12Vier Turing-Tests für 2 Violen 00:13:41
16Drei Landschaftsbilder für Violoncello 00:09:45
19Bim, Bam, Bum (aus: Morgenstern-Liederbuch) 00:03:14
20Der Zwölf-Elf (aus: Morgenstern-Liederbuch) 00:04:21
21Das Problem (aus: Morgenstern-Liederbuch) 00:01:57
22Die Westküsten 00:03:14
23Der Tanz (aus: Morgenstern-Liederbuch) 00:02:44

Interpreten der Einspielung

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