Blood
Sinfonia 2022
Nuno Côrte-Real & Berliner Philharmoniker
Solo Musica SM566
1 CD • 64min • 2025
19.08.2026
Künstlerische Qualität:![]()
Klangqualität:![]()
Gesamteindruck:![]()
Der portugiesische Komponist und Dirigent Nuno Côrte-Real, Jg. 1971, ist in den letzten Jahren mit einer ganzen Reihe von CD-Veröffentlichungen neuer Werke hervorgetreten, neben Vokalem insbesondere Orchestermusik, so etwa einem Album mit Solokonzerten und einem mit „Rock Symphonies“ (z.T. im übertragenen Sinne zu verstehen). Hier knüpft die vorliegende Neuveröffentlichung (erneut bei Solo Musica) an, die zwei seiner jüngsten Orchesterwerke vorstellt; Côrte-Real selbst leitet die Berliner Symphoniker.
Die großen Themen unserer Tage
Bereits der Titel des Albums Blood (in roten Großbuchstaben) stellt in gewisser Hinsicht die Weichen: es sind die großen Themen dieser Tage, denen Côrte-Real sich widmen möchte – der Ukraine-Krieg im Falle der Sinfonia 2022 op. 70 (2022, revidiert 2025), das Finanzwesen, Konsumdenken und Korruption im Falle der Banksters Suite op. 75 (2024, eine orchestrale Fortspinnung seiner Oper Banksters von 2011, in deren Titel sich nicht von ungefähr Banker und Gangster treffen). Dabei sucht Côrte-Real durchaus das Bildhafte, Explizite, nicht nur in Titeln wie Song of death und Nuclear marching band (so die Mittelsätze der Sinfonie) oder Diabolic vision and fight (dies der Eröffnungssatz der Banksters Suite), sondern auch in seiner Tonsprache, in den von ihm gewählten musikalischen Mitteln.
Eine filmische Sinfonik
Grundsätzlich geht Côrte-Real von einer Melange von Einflüssen aus, die in unterschiedlicher Schwerpunktsetzung für gar nicht einmal so wenige eher traditionell orientierte Komponisten unserer Zeit charakteristisch ist. Die Rock Symphonies des vergangenen Albums hallen auch hier nach, etwa im 1. Satz der Sinfonia 2022 oder den E-Gitarren-Soli der Banksters Suite, die Arbeit mit kurzen Motiven eher als mit lang geschwungener Melodik gemahnt an Minimal Music, die orchestrale Palette ist in der Regel üppig, effektfreudig, mit allerlei Schlagwerk, Blech und speziell in den lyrischen Passagen weichem Streicherteppich. Grundsätzlich tonal basiert, schließt dies lokal die Integration von gewissen Modernismen nicht aus, in der Regel wirkungsorientiert. Man beachte etwa den Schluss der Banksters Suite (und damit des Albums): ein grell dissonanter Akkord des vollen Orchesters im Fortissimo wird gefolgt von einem leisen, sanften C-Dur-Akkord im Sinne der Redemption, von der hier erzählt werden soll. So falsch ist es nicht, all dies als eine Art „filmische Sinfonik“ zu betrachten.
Kulmination und Katharsis
Dabei handelt es sich bei der Sinfonia 2022, Côrte-Reals chronologisch zweiter Sinfonie, um ein recht ausgedehntes Werk von knapp 40 Minuten Dauer, das neben einem groß besetzten Orchester auch eine Orgel mit einbezieht, nicht unbedingt solistisch, sondern eher immer wieder als besonders prägnante Stimme, die aus dem Orchester hervortritt. Über weite Strecken agitiert, erreicht die Musik ihren Kulminationspunkt am Ende des 3. Satzes, wenn die groteske Nuclear marching band mit ihren synkopierten Rhythmen einem (erwartbaren) Accelerando unterzogen wird – und der vermeintliche Rand des Abgrunds der Katharsis des langsamen Finales in E-Dur weicht. Ähnlich wie die Orgel in der Sinfonie ist es in der Banksters Suite die E-Gitarre, die immer wieder aus dem Orchester hervortritt; ansonsten ist die stilistische Positionierung eine ähnliche, hier im Kontext einer Suite aus sechs eher knapp gehaltenen Sätzen.
Bildhafte Musik
Solide in Klangqualität und Interpretation, wirken die Streicher mitunter angesichts der großen Besetzung um sie herum mitunter etwas dünn. Der sehr engagierte Begleittext von José Bruto da Costa spart nicht mit großen Vergleichen, da wird die Sinfonie (bzw. ihr Aufbau) als „eschatologische Reihe großer Gelehrsamkeit“ betrachtet, Sigmund Freud, Hannah Arendt, Thomas Hobbes und Albert Camus beschworen. Letztlich ist dies ein Anspruch, dem Côrte-Reals ziemlich direkte Musik nicht gewachsen ist: im Kern episodisch, geht ihr der große sinfonische Atem ab, wirkt sie trotz aller Klangmassierungen nie wirklich dringlich, existenzialistisch oder katastrophisch. Illustrative, im Grunde genommen unkompliziert rezipierbare Musik.
Holger Sambale [19.08.2026]
Anzeige
Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Nuno Côrte-Real | ||
| 1 | Sinfonia 2022 | 00:38:50 |
| 5 | Banksters Suite | 00:25:04 |
Interpreten der Einspielung
- Berliner Philharmoniker (Orchester)
- Nuno Côrte-Real (Dirigent)
