Erich Kästner • Michael Bastian Weiß
Erzählungen und moralische Lieder
Lisa Wagner • Jenavieve Moore • Serena Chillemi
TYXart TXA20150
1 CD • 70min • 2022
10.10.2026
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Gesamteindruck:![]()
Wer kommt schon auf die Idee, Erich Kästner zu vertonen? Und wer, wenn er dies schon will, wählt dazu nicht die Gedichte, sondern die Epigramme? Der Komponist, Philosoph und Musikkritiker Michael Bastian Weiß aus München tut es. Weiß hat an der Münchner Musikhochschule bei Jürgen von Bose Komposition und an der LMU München Philosophie studiert, promovierte und habilitierte sich. Derzeit lehrt er Philosophie an der LMU und an der Hochschule für Musik und Theater in München. Er ist also so etwas wie ein philosophischer, sehr reflektierter Komponist. Man hört es.
Lakonische Musik für lakonische Sprache
Vierzehn Epigramme aus der Sammlung mit dem Titel „Kurz und bündig“ (1948) hat Weiß unter dem Titel Moralische Lieder op. 18 ausgesucht und vertont. Der bündigen Lakonie der Sprache entspricht die raffinierte Lakonie der Musik. Als Begleitinstrumente wählt der Komponist ein Klavier, eine Mundharmonika und chinesische Rezitationsplättchen, ein traditionelles chinesisches Schlaginstrument aus Bambusblättchen, genannt „Kuaiban“. Alles ist Prof. Dr. Sven Hanuschek zugeeignet, der zahlreiche Aufsätze und Bücher über Erich Kästner geschrieben hat. Lisa Wagner rezitiert dazwischen unbekannte, teilweise skurrile Erzählungen von Erich Kästner. Das tut sie schnörkellos klar, sauber artikulierend und mit Wärme in der Stimme.
Vom Nordpol über Indien nach Chicago
Alleine fast 30 Minuten dauert die grotesk-heitere Geschichte Die Reisen des Amfortas Kluge, in der der Titelheld mit seinem Freund Bobby eigentlich in den Kongo reisen will, aber am Nordpol landet, dann über Kopenhagen und Buchara zum Palast des Dalia Lama gelangt, wo er sich den Verführungskünsten des Dalai Lamas erwehren muss, weil er sich in Frauenkleidern eingeschlichen hat, dann klettern beide über den Mount Everest nach Indien und dann nach Bali, paddeln über den Stillen Ozean und fahren mit der Straßenbahn, die über dem Äquator fährt, nach Chicago, wo sie ein elektrisches Unwetter erleben usw. usw.…Noch dazu sind auf dieser CD fünf ebenfalls kurze Gedichte verschiedener deutscher Dichter vertont, alle aus dem noch im Entstehen begriffenen Zyklus Minuten op. 17 von Michael Bastian Weiß. Hier versammelt sich also konzentrierte Literatur mit Musik in Miniatur.
Besser eine männliche Stimme ?
Auch wenn Jenavieve Moore mit zauberhaft leichter Stimmführung, deutlicher Diktion und interpretatorischer Verve singt: Ich finde, dass eine männliche Stimme geeigneter gewesen wäre. Denn Erich Kästner ist ein, wenn auch intellektueller, sehr männlicher Mann, mit einer „Haut aus Härte und Kälte“ überzogen, wie er selber in Briefe an mich selber schreibt (die auch Lisa Wagner liest), ein Mann voller distanzierter Einsamkeit, der sich mittels eines „Zaubers aus Glück und Wehmut“ (so auch in den Briefen) von den Menschen fernhält. Und dann sind die gesungenen Epigramme von einer gestochen harten Diktion, die gnadenlos-sachlich wirkt. In der Interpretation durch Jenavieve Moore wirken sie aber, wenn auch durchaus schön, fast zu schön, federleicht und leis ironisch schwingend. Und dazu wirken sehr hohe Töne, von einer Sopranistin gesungen, oft mehr spitz statt ausdrucksvoll. Licht und klar und wohlgestanzt ist das Klavierspiel von Serena Chillemi.
Fantasievoll komponiert
Bei aller epigrammatischen Kürze sind die Texte sehr fantasievoll komponiert. Als Motto zieht sich der bekannte Zweizeiler „Es gibt nichts Gutes, /außer man tut es“ hindurch, dreimal anders komponiert, aber meist mit einem „guten“ Dur-Schluss, der sich einmal strahlend aus einem Tristan-Akkord erhebt (Track 5). Die Rezitationsplättchen kommen zum Einsatz in dem Epigramm An die Maus in der Falle oder Freiheit und Christentum (Track 6), wo sie vielleicht die Ausweglosigkeit symbolisieren sollen, die Mundharmonika in Über die Ursachen der Geschichte (Track 10), wo diese Ursachen als total unlogisch beschrieben werden, als Traum der Geschichts-Muse Clio. Illustrativ wird die Musik auch: In Als die Synagogen brannten (Track 7) halten ein junger SA-Mann und ein alter Jude einen kurzen Dialog. Die Sängerin verharrt im Sprechgesang, zum SA-Mann gehört ein drohend stampfender Marsch-Bassklang, zum Juden Psalm-artige Melodiefetzen. Trostlose Choralanklänge begleiten in Das Verhängnis (Track 8) die Erkenntnis, dass das Leben nur „Bedrängnis“ ist, Bachchoralklänge die Erkenntnis: Der Mensch ist sein eigenes Gefängnis (Track 15), und alpine jodelnde Volksmusik den lustigen Grabspruch: Es ist nicht weit / Zur Ewigkeit. Um acht ging Martin fort, /Um zehn Uhr war er dort (Track 16).
Die fünf Lieder aus Minuten op. 17 wirken etwas wie angehängt, weil noch Platz war. Diese Vertonungen von deutschen Gedichten sind ebenfalls epigrammatisch kurz, sie dauern um eine Minute herum. Dafür wirkt die klare Stimme von Jenavieve Moore hier besser und geeigneter.
Rainer W. Janka [10.10.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Erich Kästner | ||
| 1 | Spuk in Genf | 00:06:00 |
| Michael Bastian Weiß | ||
| 2 | „Vorwort‟ (aus Moralische Lieder op. 18; nach Epigrammen aus Kurz und bündig von Erich Kästner, Sven Hanuschek zugeeignet) | 00:02:18 |
| 3 | Der Bahnhofsvierzeiler op. 18 Nr. 2 | 00:01:33 |
| 4 | Es läuten die Glocken op. 18 Nr. 3 | 00:01:07 |
| 5 | Moral I op. 18 Nr. 4 | 00:00:29 |
| 6 | An die Maus in der Falle oder Freiheit und Christentum op. 18 Nr. 5 | 00:01:10 |
| 7 | Als die Syngogen brannten op. 18 Nr. 6 | 00:01:34 |
| 8 | Das Verhängnis op. 18 Nr. 7 | 00:01:18 |
| Erich Kästner | ||
| 9 | Anitas Weißfüchse oder Der treue Kuppelpelz (Ein Filmmanuskript in 5 Akten) | 00:06:18 |
| Michael Bastian Weiß | ||
| 10 | Über die Ursachen der Geschichte op. 18 Nr. 8 | 00:02:03 |
| 11 | Soll und Haben 1952 op. 18 Nr. 9 | 00:01:33 |
| 12 | Moral II op. 18 Nr. 10 | 00:00:33 |
| 13 | Unsanftes Selbstgespräch op. 18 Nr. 11 | 00:00:39 |
| 14 | Moral III op. 18 Nr. 12 | 00:00:40 |
| 15 | Der Mensch ist sein eigenes Gefängnis op. 18 Nr. 13 | 00:01:28 |
| 16 | Nachwort op. 18 Nr. 14 | 00:00:36 |
| Erich Kästner | ||
| 17 | Die Reisen des Amfortas Kluge | 00:29:06 |
| Michael Bastian Weiß | ||
| 18 | Joseph Haydn op. 17 Nr. 1 (aus Minuten op. 17) | 00:00:42 |
| 19 | Die echte Träne op. 17 Nr. 2 | 00:01:08 |
| 20 | Alle sind besser op. 17 Nr. 3 | 00:00:40 |
| 21 | Beruhigung op. 17 Nr. 4 | 00:00:41 |
| 22 | Der Schuß op. 17 Nr. 5 | 00:01:38 |
| Erich Kästner | ||
| 23 | Briefe an mich selber | 00:05:54 |
Interpreten der Einspielung
- Lisa Wagner (Rezitation)
- Jenavieve Moore (Sopran)
- Serena Chillemi (Klavier)
