Ciocârlia
Dana Ciocarlie piano
la dolce volta LDV 124
1 CD • 70min • 2023
10.04.2026
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Gesamteindruck:![]()
Klassik Heute
Empfehlung
Der Rezensent muss eingestehen, die aus Rumänien stammende, aber seit langem in Frankreich tätige Pianistin Dana Ciocarlie (Jahrgang 1968) bislang übersehen zu haben, obwohl sie bereits vor einigen Jahren eine Gesamtaufnahme der Schumann-Klavierwerke vorgelegt hat, die durchwegs sehr positive Resonanz erhielt. Auf demselben Label (la dolce volta) erschien nun eine CD mit gemischten Programm: Musik, die vorwiegend auf rumänischer Volksmusik basiert. Ausgangspunkt bildet ein Spiel mit dem Namen der Künstlerin: Ciocârlie bedeutet im Rumänischen „Lerche“, und als solche porträtiert sie laut liebevollem Booklet-Interview mit ihrer Cousine quasi im Überflug verschiedene Landschaften der alten Heimat.
Gelungenes Konzeptalbum mit vielen kurzen Stücken
Die insgesamt 36 Tracks der Veröffentlichung werden dementsprechend von Bearbeitungen zweier berühmter Volkslieder eingerahmt, welche die Lerche besingen; eines rumänischen und eines französischen. Dazwischen wechseln sich Stücke unterschiedlichen Charakters ab (siehe die Liste unten). Bei solchen Konzepten, die eher zusammenhängende Werke teilweise auseinanderreißen, ist oft Skepsis angebracht, aber das von Ciocarlie geht so schlüssig auf, dass man diese ungewöhnliche CD tatsächlich am Stück hören kann, ohne zu ermüden oder sich auch nur eine Sekunde zu langweilen. Ciocarlies pianistisches Handwerk allein ist schon überragend. Anschlagskultur, dynamische Abstufungen von Haupt- und Nebenstimmen sowie vor allem eine absolut perfekte, keinesfalls pauschale Pedalisierung begeistern durchgängig und werden zudem aufnahmetechnisch exzellent eingefangen. Das hört man exemplarisch bei der Darbietung des mittlerweile bekannteren Carillon nocturne aus der 3. Suite George Enescus. Dana Ciocarlie spielt die wohl genialste aller Glockenimitationen für Klavier merklich flüssiger als viele Pianisten, ohne das meditative, zugleich einsam unheimliche Ambiente zu zerstören. Die beiden übrigen Stücke aus Enescus Suiten gelingen gleichwertig.
Virtuosität und Feingefühl
Schon bei den schlichten Umsetzungen rumänischer Weihnachtslieder Béla Bartóks ‒ die 20 jeweils maximal 45-sekündigen Stücke erscheinen in zwei Blöcken ‒ zeigt die Pianistin ihr musikalisches Niveau. Nicht nur trifft sie die durchaus abwechslungsreichen Idiome rumänischer Musik auf den Punkt. Alles atmet und vibriert, kleine Imitationen werden genau dosiert in den völlig natürlichen Fluß integriert. Und Bartóks Rumänische Tänze op. 8a gestaltet sie zudem mit dramaturgisch genau durchdachtem Dynamikaufbau. Wenn Violeta Dinescus 4 Échos de carillon, die mehr Glockengebimmel als komplexe Resonanzen und Obertonmixturen (wie Enescu) nachhören, sich ziemlich ähneln, überzeugen Constantinescus drei Tänze mit kontrastreicher, selbstsicherer Energie ‒ absolut hinreißend.
Rarität von Dinu Lipatti und ein überspieltes Werk
Die eigentliche Überraschung des Programms ist allerdings das Nocturne über ein moldawisches Thema des legendären, viel zu jung verstorbenen rumänischen Pianisten Dinu Lipatti, das ihn als zweifelsfrei begabten Komponisten zeigt. Eine echte Rarität, jedoch nicht, wie im Booklet behauptet, eine Ersteinspielung: Es gibt Aufnahmen etwa von Luiza Borac und Marco Vincenzi. Wahrscheinlich, weil in dem Stück anscheinend an die dreißig rumänischen Motive enthalten sind, gibt’s am Schluss Enescus berühmt-berüchtigte Rumänische Rhapsodie Nr. 1 ‒ leider immer noch sein beliebtestes Werk, dessen Komposition ihm gerade wegen des Erfolges später fast leidtat, da es den Blick auf seinen eigentlichen Stil ungebührlich trübte. Nichtsdestotrotz arrangierte er erst vierzig Jahre nach der Orchesterfassung eine Klaviertranskription im Liszt-Stil. Damit kann die Pianistin hier natürlich ebenfalls auftrumpfen, vermeidet dabei zum Glück ganz bewusst, sie zu einer reinen Virtuosennummer verkommen zu lassen, bleibt klanglich apart, differenziert und vertraut ganz dem tieferen Geist der darin verarbeiteten Volksmusik. Etwas mehr ungezügelte Wildheit ganz zum Schluss dürfte allerdings schon sein. Bei der gebotenen Qualität vermisst man im Booklet Angaben zur Künstlerin, findet stattdessen Werbung für den Aufnahmeort in Soissons. Insgesamt ein herrliches Album, das zu Herzen geht.
Martin Blaumeiser [10.04.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| trad. | ||
| 1 | Ciocârlia | 00:02:03 |
| Paul Constantinescu | ||
| 2 | I. Joc (aus: Suite für Klavier solo) | 00:02:20 |
| Béla Bartók | ||
| 3 | Rumänischer Tanz op. 8a Nr. 1 | 00:04:57 |
| George Enescu | ||
| 4 | Carillon nocturne op. 18 Nr. 7 | 00:05:17 |
| Violeta Dinescu | ||
| 5 | Écho de Carillon Nr. 1 | 00:01:34 |
| Béla Bartók | ||
| 6 | Chants de noël roumains Sz 57 BB 67 (Série no. 1) | 00:04:41 |
| George Enescu | ||
| 15 | III. Pavane, Lentement bercé (aus: Suite Nr. 2 D-Dur op. 10 (Des cloches sonores)) | 00:05:28 |
| Paul Constantinescu | ||
| 16 | III. Joc Dobrogean (aus: Suite für Klavier solo) | 00:04:00 |
| Violeta Dinescu | ||
| 17 | Écho de Carillon Nr. 2 | 00:01:33 |
| Béla Bartók | ||
| 18 | Rumänischer Tanz op. 8a Nr. 2 | 00:04:07 |
| Paul Constantinescu | ||
| 19 | II. Cantec (aus: Suite für Klavier solo) | 00:04:13 |
| Violeta Dinescu | ||
| 20 | Écho de Carillon Nr. 3 | 00:01:33 |
| George Enescu | ||
| 21 | Voix de la steppe op. 18 Nr. 2 | 00:04:09 |
| Béla Bartók | ||
| 22 | Chants de noël roumains SZ 57 BB 67 (Série no. 2) | 00:05:56 |
| Dinu Lipatti | ||
| 33 | Nocturne a-Moll | 00:02:44 |
| Violeta Dinescu | ||
| 34 | Écho de Carillon Nr. 4 | 00:01:24 |
| George Enescu | ||
| 35 | Rumänische Rhapsodie Nr. 1 A-Dur op. 11 | 00:12:35 |
| trad. | ||
| 36 | Gentille Alouette | 00:01:29 |
Interpreten der Einspielung
- Dana Ciocarlie (Klavier)
