Friedrich Gernsheim
String Quartets Vol. 3
Diogenes Quartett
cpo 555 762-2
1 CD • 64min • 2023
04.05.2026
Künstlerische Qualität:![]()
Klangqualität:![]()
Gesamteindruck:![]()
Dass der 1839 geborene Friedrich Gernsheim einer der begabtesten Instrumentalkomponisten seiner Generation gewesen ist, lässt sich dank den zahlreichen CD-Einspielungen, die mittlerweile von seiner Musik vorliegen, kaum mehr leugnen. Wie in so vielen anderen Fällen, hat auch in diesem cpo wesentlich dazu beigetragen, das orchestrale und kammermusikalische Schaffen eines Meisters der Vergessenheit zu entreißen. Um die Streichquartette und -quintette hat sich dabei das Diogenes Quartett gekümmert, dessen Reihe mit der vorliegenden CD auf drei Folgen angewachsen ist.
Frühreif und formsicher
Zwischen den beiden hier präsentierten Werken, die beide erstmals auf Tonträger erscheinen, liegen über drei Jahrzehnte: Während das Streichquartett Nr. 4 op. 66 von 1900 am Beginn von Gernsheims Spätschaffen steht, handelt es sich bei dem Streichquintett op. 9 (mit zwei Bratschen) um sein erstes Werk für reines Streicherensemble. Die Gegenüberstellung dieser beiden Stücke verrät einmal mehr, wie durchgängig hoch die Qualität der Musik Gernsheims ist, denn das frühe Werk steht dem späten im Hinblick auf Formsicherheit in nichts nach. Soll man als Rezensent den Kopfsatz dieses Quintetts, ein „singendes Allegro“ von orchestral anmutender Klangfülle, besonders hervorheben, oder das anmutig-introvertierte Intermezzo? Gibt man dem in seiner würdevollen Schlichtheit an Beethoven gemahnenden Andante den Vorzug, oder doch dem sehr lebhaften Moll-Finale, das erst ganz am Ende nach Dur einlenkt? Das Vierte Streichquartett bietet demgegenüber noch eine Steigerung im Hinblick auf kontrapunktische Feinheiten. Die vier Sätze wirken paarig angelegt. Der im Tempo zurückgenommene, elegische Kopfsatz korrespondiert mit dem ebenfalls in Moll stehenden Variationssatz, der, für einen langsamen Satz eher ungewöhnlich, energisch im Forte beginnt. Ihnen stehen zwei rasche Sätze in E-Dur gegenüber: ein verspieltes Allegretto scherzando, und ein Finale, das wie ein lustiger Geschwindmarsch anhebt und sich im Seitenthema hymnisch steigert.
Übertreffbare Darbietungen
Das Diogenes Quartett, dem sich im Streichquintett David Quiggle als zweiter Bratschist hinzugesellt, leistet bei der Darbietung der Stücke solide Arbeit, ohne dass man von einer idealen Wiedergabe sprechen kann. Insgesamt gelingt das Quintett besser, obwohl gerade zu Anfang dieses Werkes die Begleitstimmen zu einem undifferenzierten Wabern geraten. Dabei hat Gernsheim die Melodie mit feinen Motiv-Dialogen umrankt! Im Quartett stehen der Kopfsatz und der langsame Satz hinter den schnelleren Sätzen zurück. Das bei aller Wehmut rhythmisch markante Hauptthema des Kopfsatzes könnte deutlich spannungsvoller klingen. Der Schlussteil der Durchführung mit seinen komplementären Rhythmen zeigt beispielhaft eine gewisse Leichtfertigkeit der Musiker im Umgang mit kontrapunktisch verzahnten Abschnitten. Auch kommt die Frage auf, welch faszinierende Misterioso- und Echo-Wirkungen die langen Akkorde in der Satzmitte bei einer Aufführung entfalten würden, in der die Musiker die Verläufe der Harmonik bewusster nachvollziehen. Der langsame Variationssatz leidet darunter, dass durch Betonung der einzelnen Phrasen kein rechtes melodisches Kontinuum aufkommt, sodass das große kontrapunktische Potential dieses Satzes sich nicht entfalten kann.
Wie so oft bei cpo, ist der Veröffentlichung ein ausführlicher Einführungstext beigegeben, aus dem man viel über den Komponisten und die Werke erfährt. Das ist gut und richtig. Auf die angesichts des Standes der Geschichtsforschung höchst unglückliche Behauptung, Gernsheim habe 1914 als Deutscher „zur Nation des Kriegstreibers“ gehört, hätte der Autor besser verzichtet.
Norbert Florian Schuck [04.05.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Friedrich Gernsheim | ||
| 1 | Streichquartett Nr. 4 e-Moll op. 66 | 00:34:06 |
| 5 | Streichquintett D-Dur op. 9 | 00:30:12 |
Interpreten der Einspielung
- Diogenes Quartett (Streichquartett)
- David Quiggle (Viola)
