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Besprechung CD/SACD stereo/surround

Palestrina 500

Augsburger Domsingknaben • I Fedeli • Stefan Steinemann

Ars Produktion ARS 38 380

1 CD/SACD stereo/surround • 56min • 2024

30.08.2025

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Giovanni Pierluigi, dessen Herkunftsort Palestrina zum „gefühlten“ Nachnamen wurde, würde in diesem Jahr seinen 500. Geburtstag begehen. Er gilt – neben Orlando di Lasso – als der Vollender der franko-flämischen Vokalpolyphonie und nimmt bis heute eine Vorbildrolle im Kontrapunktunterricht ein. Sein in der Linienführung ausgeglichener Kompositionsstil wurde im 17. Jahrhundert zur Norm des Stile antico, der als Kontrast zu konzertierenden Abschnitten eine wesentliche Rolle in Werken von J. S. Bachs h-Moll-Messe bis zur Missa solemnis Beethovens spielt. Allein deshalb ist es sinn- und verdienstvoll, wenn Stefan Steinemann mit seinen Augsburger Domsingknaben und dem Ensemble I Fedeli eine Aufführung rekonstruieren, wie sie unter Lasso mit der Münchner Hofkapelle stattgefunden haben könnte.

Experte im Konzil von Trient

Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525-1594) gilt anekdotisch als „Retter der polyphonen Kirchenmusik“. Auf dem Konzil von Trient, das die Gegenreformation einleitete, kam es – ausgelöst durch das stärker wortbezogene Frömmigkeitsverständnis der Reformatoren – zu einer Kontroverse über die polyphone Kirchenmusik, bei der durch Überlagerung der Stimmen und kunstvolle Kanonbildungen die Textverständlichkeit gelitten hatte. Zudem wurde die Praxis der sogenannten „Parodiemessen“ verurteilt. Das Parodieverfahren nutzt anstatt der Handvoll gregorianischer Messmelodien Fremdmaterial als Ausgangsbasis. Dies kann eine Motette sein, die bereits ursprünglich auf einen geistlichen Text komponiert wurde, was genehm war. Seit den Spätwerken Guillaume Dufays (1400-1470) wurde jedoch zunehmend weltliches Material verwendet, von höfischen Chansons bis zu Volksliedmelodien wie Western Wynde (John Taverner) oder L’homme armé (Dufay, J. Ockeghem, Josquin, Palestrina (sic!) u.v.a,). Palestrina wurde als Sachverständiger gehört und konnte mit seiner Missa Papae Marcelli demonstrieren, dass es auch anders geht.

Klangprächtige Messe

Ein besonders prachtvolles Exemplar einer Parodiemesse stellt Palestrinas Missa Fratres ego enim accepi in ihrer Achtstimmigkeit dar, die ihr Material aus des Komponisten gleichnamiger Motette bezieht. Steinmann erwähnt im Booklet-Text, dass sowohl Vorlage wie Messe in Chiavette notiert sind, womit der Laie wahrscheinlich nichts anfangen kann. Deshalb sei hier Aufklärung geschafften. Im modalen Harmoniesystem der Renaissance waren nur einzelne Vorzeichen (jeweils ein b oder #) am Satzanfang zulässig. Wollte der Komponist eine Ausführung, die mehrere Vorzeichen erforderte, deutete er dies durch die Verwendung der (hohen) Chiavette (Verkleinerungsform Plural von Chiave = „Schlüssel“, also „Schlüsselchen“) an. Diese bestehen anstatt der Standard-C-Schlüssel für Sopran, Alt, Tenor und des Bass-Schlüssels, aus Violin-, Mezzosopran-, Alt- und Tenor-Schlüssel und deuten an, dass das Werk eine Terz oder Quarte tiefer ausgeführt werden soll.

Palestrina à la Lassus

Stefan Steinemann orientiert sich in seiner Jubiläumseinspielung an der Besetzungspraxis der Münchner Hofkapelle, wie sie von Orlando di Lasso beschrieben wurde. Bei doppelchörigen Werken wird ein Chor mit Streichern (Violine, 3 Gamben Violone) , der andere mit Blechbläsern (Zink + 3 Posaunen) verstärkt. Die Orgel fungiert als Continuo-Instrument, spielt die jeweils tiefste Stimme in der linken Hand und die Harmonien rechts. Die Instrumentalisten dürfen ihre Stimmen auszieren. Dies gelingt dem Zinkenisten Jossué Meléndez Pedáez im Ave Maria von Tomás Luis de Victoria außerordentlich überzeugend (Tr. 14). Die Chorbesetzung orientiert sich mit 37 Sängern an den Zahlen, die aus Venedig, Rom und München vom Ende des 16. Jahrhunderts überliefert sind. Allerdings waren diese womöglich auf das Musizieren zu 12-16 Stimmen ausgelegt. Es wird wegen der Chiavette transponiert. Allerdings geht man von einem recht hohen Stimmton (a=490 Hz) aus, was einige schrille Sopraneinsätze verursacht, aber nicht falsch sein muss, da manche Orgeln zu dieser Zeit – aus Gründen der Materialersparnis – sogar auf 512 Hz standen. An Klangpracht bleiben somit keine Wünsche offen allerdings geht die sehr hallgesättigte Akustik zulasten der Textverständlichkeit, vermittelt somit einen Eindruck, den das Tridentinum kritisierte. Dies mag sich jedoch auf einer Surround-Anlage anders darstellen.

Tontechnisch ist die mangelnde Transparenz der Stereo-Abmischung zu kritisieren, in der die Streicher – abgesehen von den schön musizierten Ricercaren – nahezu unhörbar sind. Dies wird durch einen sehr informativen Booklet Text ausgeglichen.

Fazit: Eine mit Abstrichen gelungene Produktion, die eine der klangprächtigsten Messen Palestrinas in ihren liturgischen Kontext stellt, was für mehr Abwechslung sorgt, als mehrere Messen auf einer CD zu vereinen.

Thomas Baack [30.08.2025]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Giovanni Pierluigi da Palestrina
1Fratres ego enim accepi 00:03:11
Pierre de Manchicourt
2Osculetur me (Prima pars) 00:02:45
3Trahe me (Secunda pars) 00:02:42
Giovanni Pierluigi da Palestrina
4Missa Fratres ego enim accepi, I. Kyrie 00:03:47
5Missa Fratres ego enim accepi, II. Gloria 00:05:17
William Byrd
6Miserere mei, Deus 00:02:28
Giovanni Pierluigi da Palestrina
7Ricercar del terzo tuono 00:02:32
8Missa Fratres ego enim accepi, III. Credo 00:08:42
9Ricercar del primo tuono 00:02:03
Orlando di Lasso
10Tui sunt caeli 00:02:35
Giovanni Pierluigi da Palestrina
11Missa Fratres ego enim accepi, IV. Sanctus 00:02:17
12Missa Fratres ego enim accepi, V. Benedictus 00:02:45
13Missa Fratres ego enim accepi, VI. Agnus Dei 00:06:04
Tomás Luis de Victoria
14Ave Maria 00:04:10
Giovanni Pierluigi da Palestrina
15Jubilate Deo 00:03:39

Interpreten der Einspielung

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