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Besprechung CD

Hans Koessler

Symphony in B minor • Violin Concerto
Fedor Rudin • Nürnberger Symphoniker • Rudolf Pichlmayer

cpo 555 719-2

1 CD • 70min • 2023, 2024

26.01.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Endlich! Bei Hans Koessler besteht, bis auf einige Kammermusik- und Chorwerke, grundsätzlicher Nachholbedarf, und dem hilft nun Rudolf Piehlmayer mit den Nürnberger Symphonikern ab. Bisher waren das einzige Orchesterwerk Koesslers, das Kennern irgendwie geläufig war, seine Symphonischen Variationen. Des seit 1914 ebenso im Partiturdruck vorliegenden Passacaglia-Konzerts für Violine und Orchester hatte sich bislang niemand angenommen, dabei ist der Solopart äußerst attraktiv, sehr idiomatisch, anspruchsvoll und glänzend für die Geige geschrieben. Ein echtes Virtuosenwerk für einen Meister wie Jenö Hubay, nur eben mit der Substanz deutscher romantischer Tradition im Gefolge von Brahms und Joseph Joachim komponiert. Besonders herrlich ist die zentrale Passacaglia, aber das ganze Konzert besticht mit gravitätischer Würde und feinsinniger Sanglichkeit.

Exzellenter Solist im sehr attraktiven Passacaglia-Konzert

Fedor Rudin erweist sich geigerisch als Idealbesetzung, insbesondere bezüglich seiner satten, warmen Tongebung, die nichts ins sportlich Demonstrative umkippt. Die Geige spielt fast ununterbrochen durch, weicht nur gelegentlich den sich auftürmenden Orchestergewalten, soll sich aber auch bei einer besonders heftigen Gelegenheit gegen die Blechbläser im Fortissimo behaupten, was zumindest studiotechnisch möglich ist — wie man hört. Im Konzertsaal wird ihr das an dieser Stelle nicht gelingen, doch in der Regel ist alles realistisch geschrieben für einen Virtuosen mit großem, klar fokussierendem Ton, im Verhältnis zum Orchester insgesamt sogar entspannter zu realisieren als etwa Dvořáks so beliebtes Violinkonzert. Insgesamt merkt man aber auch, dass nicht allzu viel Zeit zur Verfügung stand, um die dichter kontrapunktierenden Passagen im vollen Orchester, zumal bei forcierterer Dynamik, ausgewogen ausgehört zu gestalten und mit dem Solisten in einer so unbekannten, sich in langen Wellen aufbauenden Musik zu einer natürlichen Ausdruckseinheit zu verschmelzen, und manches Fortissimo lässt der Kraft des Blechs etwas zu ungehemmten Lauf.

Anspruchsvolle Architektur, Liebe zum Kanon

In der zum Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Symphonie in h-moll gilt insgesamt Ähnliches. Der Beginn mit seinem pathetisch hämmernden Unisono in tiefer Lage erinnert unwillkürlich an den von Robert Volkmanns erster oder von Alexander Borodins (in gleicher Tonart stehender) zweiter Symphonie, gibt aber anders als bei Borodin nicht den dominierenden Tonfall vor. Besonders schön geraten die lyrischen, filigranen, fein abgetönten, beweglich phrasierten Momente. Da merkt man, was für ein im Kantablen sich zuhause fühlender Musikant Piehlmayer ist, und das Orchester folgt ihm geschmeidig. Immer wieder wird bei aller Schönheit und teils opulenten Entfaltung des orchestralen Liniengeflechts deutlich, dass Koessler in seiner konservativen Gediegenheit ein gelehrter Akademiker ist. Er liebt die kanonische Imitation und neigt dann auch zu einem in seiner Regelmäßigkeit etwas quadratisch anmutenden, stoisch durchgeführten Momentum. Die Ecksätze sind recht ausladend und stellen architektonisch die höchsten Anforderungen, vor allem das Finale mit seinen vielen Tempo-Abstufungen, das dann nach einem absichtsvoll scholastischen Fugato und großer optimistischer Klangentfaltung, ausmündend in ein Adagio grandioso, allmählich ganz ins Lyrische, zum Jenseits gerichtete sanfte Aufschwingen sich selig verabschiedet. Immer wieder findet sich in den choralhaften Passagen nicht nur der Blechbläser ein fast religiös berührender Einschlag.

Das an zweiter Stelle stehende Scherzo wird meines Erachtens im Grundtempo (Allegretto) zu geschwind genommen, um seine spielerische Zärtlichkeit entfalten zu können. Es wirkt hier etwas ‚beethovenisiert‘, stünde aber eigentlich dem böhmisch-wienerischen Tonfall von Natur aus näher. Wunderbar ist das dem entgegengerichtete, innige Trio dieses Satzes. Großartig in Aufbau und Wirkung ist das darauffolgende Adagio, Herzstück des Werks. Insgesamt werde ich den Eindruck nicht los, dass einige subtil empfundene (und vorgeschriebene) Tempo-Modifikationen übertrieben realisiert sind, was natürlich auch sehr leicht passiert, wenn es sich um ein nie gespieltes Werk handelt (die Partitur wurde anlässlich dieser Erstaufnahme — und mutmaßlich ersten Darbietung überhaupt — aus dem Stimmensatz rekonstruiert, und es ist davon auszugehen, dass die notwendigen Korrekturen zusätzlich Zeit von der Uhr nahmen…).

Archaischer Kontrapunkt mit romantischem Ausdruck

Was nun ist Hans Koessler, geboren 1853 in der Oberpfalz und zwanzig Jahre älterer Cousin von Max Reger, Nachfolger Robert Volkmanns (und wie dieser zeitlebens Junggeselle) als Kompositionsprofessor in Budapest und Lehrer von Dohnányi, Kodály, Bartók, Weiner und vielen weiteren Koryphäen der großen ungarischen Schule, die die Welt erobern sollte — was ist dieser 1926 nach seiner Rückkehr in Ansbach verstorbene Koessler für ein Komponist? Als Generationsgenosse von August Klughardt, Robert Fuchs, den Scharwenka-Brüdern, Hubert Parry, Zdeněk Fibich, Vincent d’Indy, Hans Huber, Engelbert Humperdinck, Moritz Moszkowski, Julius Röntgen, Giuseppe Martucci, Sergej Tanejew oder Christian Sinding ist er keineswegs auffallend konservativ, sondern voll im Strom der Zeit. Natürlich gab es da auch bereits Nicodé, Janáček, Chausson, Elgar, Puccini, Wolf, Mahler, Debussy, Delius, Strauss, Nielsen oder Sibelius, aber die waren bahnbrechende Ausnahmen. Koessler liebte — wie beispielsweise vor und mit ihm Jadassohn, Draeseke, Saint-Saëns oder Rheinberger, aber auch gelegentlich Tanejew oder Glasunow — das altmeisterliche schwere Geschütz des in die romantische Harmonik verpackten archaischen Kontrapunkts, und seine Musik verweigert sich in ihrem freundlich gestimmten Grundton der herberen Gesinnung und härteren Schale der ‚Fortschrittsmusiker‘, doch heute spielen die ideologischen Gegensätze von einst keine essenzielle Rolle mehr. Vielleicht kann man seine Liebe zur Tradition, zum geschliffenen Kontrapunkt und zum glanzvollen, ‚goldenen‘ Klang des brucknerisch klar in Gruppen aufgestellten Orchesters ein wenig mit dem 18 Jahre später geborenen genialen schwedischen Meister Wilhelm Stenhammar — etwa in dessen 2. Symphonie — vergleichen. Wer das eine mag, könnte auch das andere mögen. Sehr hörenswerte Musik, mit einem den geschichtlichen Hintergrund elegant beleuchtenden Bookletessay von Wolfgang Rathert.

Christoph Schlüren [26.01.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Hans Koessler
1Passacaglia Concerto a-Moll für Violine und Orchester 00:26:07
2Sinfonie h-Moll 00:45:57

Interpreten der Einspielung

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