Leopold van der Pals
String Quartets Vol. 2
Ulla Miilmann • Van Der Pals Quartet
cpo 555 743-2
1 CD • 68min • 2024
16.03.2026
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Klassik Heute
Empfehlung
Der 1884 in St. Petersburg als Sohn eines Holländers und einer Dänin in eine wohlhabende Familie geborene Leopold van der Pals konnte Zeit seines Lebens ohne existenzielle Not komponieren und hinterließ bei seinem Tod 1966 in Dornach bei Basel ein umfangreiches Œuvre in vielen Gattungen, darunter sieben bis heute unaufgeführt gebliebene Opern (dem Typus des Mysterienspiels zuneigend), 3 Symphonien und viele weitere Orchesterwerke, Lieder, Klaviermusik, und viel Kammermusik, darunter sieben Streichquartette. Dass er sich darüber hinaus intensiv der Schaffung anthroposophischen Musikguts — mit Schwerpunkt auf Musik zur Eurythmie — widmete, entgeht leicht jenen Beobachtern, die von diesen Disziplinen wenig ahnen. Doch gerade auch diese Tätigkeit wirkte sich — in der Konzentration auf dicht aufgebaute kleine Formen und entwickelnde intervallische Logik — stark auf sein reifes Schaffen für den Konzertsaal aus.
Zwischen Draeseke-Enkelschule und Anthroposophie
Van der Pals’ wichtigster Kompositionslehrer war — auf Anraten des greisen Felix Draeseke, den er in Dresden aufsuchte — der in Lausanne wirkende Draeseke-Schüler und bemerkwenswerte Komponist Alexandre Denéréaz (1875-1947), und so ist auch für sein Schaffen ein aus exzellentem Handwerk und fusionierender Zusammenschau historischer Stilvorbilder gewachsenes Traditionsverständnis bezeichnend. Ende 1907 studierte er dann noch kurz in Berlin bei Reinhold Glière, um fortan künstlerisch und geistig vor allem, bis zu dessen Tod 1925, von Rudolf Steiner geprägt zu werden. Auch danach blieb er der anthroposophischen Strömung und Arbeit eng verbunden, was im Begleittext zu vorliegender CD beinahe verschwiegen wird — fast als wäre es ein Problem.
Reifes Frühwerk und elegantes Quintett
Hier nun werden — nach den ersten drei Streichquartetten in der ersten Folge — die Quartette Nr. 4-6, das Flötenquintett op. 79 und das unvollendete ‚nullte‘ Quartett von 1907 vorgestellt. Letzteres entstand noch vor dem Zusammentreffen mit Glière und demonstriert das hohe handwerkliche und ästhetische Niveau, das van der Pals durch das Studium bei Denéréaz erreicht hat. Der erste Satz in seiner poetischen Verklärung, dem verhaltenen Schwärmen und leichtflüssigen obligaten Kontrapunkt verweist auf den späten Beethoven. Hochoriginell auch in der bewussten, edlen Schlichtheit des Tonsatzes ist der Adagio-Mittelsatz, und das Scherzo ist sehr einfach und klar, mit volkstümlichem Bezug im Trio, dessen zentraler Abschnitt wie eine charmante Reverenz an die Schweiz erscheint. Mir erscheint dieses Vivace-Scherzo hier etwas zu gemütlich aufgefasst.
Das Quintett für Flöte und Streichquartett komponierte van der Pals 1929. Es gliedert sich in fünf ineinander übergehende Sätze und hat durchaus Einflüsse des französischen Impressionismus assimiliert, allerdings in klassizistisch elegant und klar umrissener Formung. Van der Pals hat hier seinen durchgehend eigenen Ton gefunden, und die stets emotional fein balancierte Musik ist auch von großem musikantischen Reiz für die Spieler. Das Allegretto daraus ist hier zu schnell genommen, was nicht sofort auffällt, sondern erst dann, wenn die schnelleren Notenwerte dazukommen und wird uns in ein forsches Allegro versetzt fühlen. Natürlich merkt man, dass das Zusammenspiel mit der Flötistin Ulla Miilmann nicht ganz so bis ins Letzte vertraut ist wie im Quartett alleine, aber das ist normal.
Der einsame Pfad der Vollendung der Metamorphose
1932 entstand das 4., 1943 das 5. (‚Vier kleine Stücke‘) und 1950 in schwerer Zeit das 6. und letzte Streichquartett. Die weit austreibenden Formen der früheren Werke sind vorüber, und immer eigentümlicher geht der Komponist seinen so einsamen wie eindrücklichen Weg fern aller Moden und Modernismen der sich in diesen zwei Jahrzehnten mehrfach drastisch wandelnden Epoche, aber auch losgelöst von traditionellen Vorbildern. Die kontrapunktische Faktur ist äußerst reduziert, die Musik — die im Motivischen und Rhythmischen immer mehr bewusst ‚metamorphosierend’ entwickelt ist — durchläuft in so unspektakulärer wie doch sinnlich fesselnder Weise unterschiedliche Aggregatzustände. In den langsamen Sätzen verzaubert van der Pals mit einer unprätentiösen Tiefe, die uns mit leichter Hand mitnimmt. Die Aufführungen sind sehr einfühlsam und auf hohem Niveau, wobei die zutiefst berührenden letzten 18 Takte — ‚Langsam und feierlich‘ — des 6. Quartetts sich mit mehr Mut zu wirklicher Breite noch viel suggestiver hätten entfalten können. Meine Einwände sollten freilich keineswegs vom Erwerb abhalten — auch bezüglich des profund informierenden und kenntnisreichen Booklettexts. Eine vorzügliche Produktion. Wer tiefer einsteigen will, dem sei zusätzlich die den Lebensweg detailreich nachzeichnende Monographie ‚Leopold van der Pals. Komponieren für eine neue Kunst‘ von Wolfram Graf (Verlag am Goetheanum) empfohlen.
Christoph Schlüren [16.03.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Leopold van der Pals | ||
| 1 | Streichquartett Nr. 4 op. 89 | 00:09:07 |
| 4 | Streichquartett Nr. 5 op. 144 (Vier kleine Stücke) | 00:09:00 |
| 8 | Streichquartett Nr. 6 op. 186 | 00:12:31 |
| 11 | Quintett op. 79 für Flöte und Streichquartett | 00:13:15 |
| 16 | Streichquartett (unvollendet, 1907) | 00:24:34 |
Interpreten der Einspielung
- Ulla Miilmann (Flöte)
- Van der Pals Quartet (Streichquartett)

