Josef Gabriel Rheinberger
Early Piano Works
Jürg Hanselmann
Ars Produktion ARS 38 657
1 CD • 60min • 2025
05.03.2026
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Gesamteindruck:![]()
Josef Gabriel Rheinberger kennt man vornehmlich als Chor- und auch Orgelkomponist. Dass sein Œuvre auch auch eine Fülle von Werken für Klavier umfasst, hat der Pianist Jürg Hanselmann schon in seiner opulenten Einspielung des gesamten Klavierwerks auf 10 CDs für den Carus-Verlag bewiesen. Nun hat er auch frühe Klavierwerke ohne Opuszahl vorgelegt, Bausteine, aus denen Rheinberger sich für spätere Werke bedient hat, sowie ganz persönliche, ja private Mitteilungen mittels des Klaviers: eine Liebeserklärung in zwölf „Charakterstücken“, die sich von C-Dur die Tonleiter hinaufschrauben, aber nur bis zu zum Ton F: Fanny hieß ja seine damalige Komposition- und Klavierschülerin, die er erst nach dem Tod ihres Mannes heiraten konnte: Franziska von Hoffnaass, die ihm lebenslang nicht nur liebende Gattin wurde, sondern auch Lebenshilfe als Hausfrau, Führerin eines musikalischen Salons in München und Beraterin in allen literarischen und musikalischen Dingen.
Zwölf Charakterstücke
Jürg Hanselmann ist hier der richtige Pianist, nicht nur, weil er in Liechtenstein aufgewachsen ist und in Vaduz seinen ersten Klavierunterricht erhielt, 2005 den Josef-Gabriel-von-Rheinberger-Preis gewann und seit 2015 Präsident der Internationalen Josef-Gabriel-Rheinberger-Gesellschaft ist, sondern weil er ein sehr inspirierter, engagierter, plastisch spielender Pianist ist. Fast glaubt man bei seinem Spiel missionarischen Eifer zu spüren, um „seinen“ Komponisten Rheinberger als Klavierkomponisten bekannter zu machen – auch wenn dessen Zwölf Charakterstücke für’s „Neue“ Clavier aus dem Jahre 1864 (da war Rheinberger 25 Jahre alt) natürlich nicht den Charakterstücken und Werken der Zeitgenossen Schumann, Chopin und Liszt ebenbürtig sind. Auch wenn alle klangvoll, ja klangsatt und liebenswürdig sind und durchaus abwechslungsreich: vertrackt wie die Etüde (Track 6), frisch-fröhlich wie Die Jagd (Track7), elegisch melodiebetont und mit einem Schubert-nahen Trio die Ballade (Track 8), verträumt das Glockenspiel (oder Mondschein...?), motivisch sich umarmend im Impromptu (Track 11) und sehnsüchtig-zärtlich wie die abschließende Melancholie (Track 12). Sehr liebevoll und bildkräftig präsentiert Jürg Hanselmann diese Stücke.
Kunstvoll erfundene Fugen
Vertrackt, verzwickt, kunstvoll gestrickt und durch Beschleunigung erschwert sind die vier Fugen. Auch diese sind im Charakter völlig unterschiedlich: mit großer Binnenspannung die Es-Moll-Fuge (Track 13), septimenverziert die Fis-Dur-Fuge (Track 14), mit dahinhuschendem Thema und großen technischen Herausforderungen wegen des verlangten Allegro molto die G-Dur-Fuge (Track 15) und die in ungewöhnlichem 6/8-Takt gehaltene A-Dur-Fuge (Track 16), die Hanselmann im ausführlichen Booklet wegen der Ton- und der Taktart als „frühe weihnachtliche Inspiration“ für die später entstandene Weihnachtskantate Stern von Bethlehem op. 164 deutet. In all diesen Fugen kann Jürg Hanselmann seine virtuosen Fähigkeiten und seine Kunst des transparenten Spiels unter Beweis stellen.
Waldmärchen als Antwort auf Liszts Waldesrauschen?
Noch mehr Virtuosität kann Hanselmann in Was sich der Wald erzählt (Waldmärchen) demonstrieren, aber auch plastische Darstellungslust und erzählerische Potenz. Wenn er allerdings meint, dies Stück „könnte durchaus Rheinbergers Antwort auf Liszts Konzertetüde Waldesrauschen sein“, tut er Rheinberger mit diesem Vergleich nicht unbedingt einen Gefallen: Liszts Waldesrauschen ist wesentlich raunender, rauschender, poetischer und dynamischer – und wirkungsvoller. Aber Rheinbergers Waldmärchen bekannt gemacht zu haben ist ein Verdienst des Rheinberger-Apologeten Jürg Hanselmann. Auch wenn all diese frühen Stücke Rheinbergers die Klavierwelt des 19. Jahrhunderts nicht revolutioniert haben: entdeckenswert sind sie allemal, manche eignen sich auch als Konzertzugaben, die zudem die Kritiker zur Verzweiflung bringen würden, weil sie die Werke nicht kennen und damit nicht benennen können.
Rainer W. Janka [05.03.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Josef Gabriel Rheinberger | ||
| 1 | Duettino C-Dur (aus: Zwölf Charakterstücke für's "neue" Clavier) | 00:02:00 |
| 2 | Praeludium c-Moll (aus: Zwölf Charakterstücke für's "neue" Clavier) | 00:02:48 |
| 3 | Notturno Des-Dur (aus: Zwölf Charakterstücke für's "neue" Clavier) | 00:02:23 |
| 4 | Rundgesang cis-Moll (aus: Zwölf Charakterstücke für's "neue" Clavier) | 00:03:55 |
| 5 | Reigen D-Dur (aus: Zwölf Charakterstücke für's "neue" Clavier) | 00:03:52 |
| 6 | Etüde d-Moll (aus: Zwölf Charakterstücke für's "neue" Clavier) | 00:03:41 |
| 7 | Die Jagd Es-Dur (aus: Zwölf Charakterstücke für's "neue" Clavier) | 00:02:40 |
| 8 | Ballade es-Moll (aus: Zwölf Charakterstücke für's "neue" Clavier) | 00:02:39 |
| 9 | Rondino E-Dur (aus: Zwölf Charakterstücke für's "neue" Clavier) | 00:02:19 |
| 10 | Glockenspiel (oder Mondschein ... ?) e-Moll (aus: Zwölf Charakterstücke für's "neue" Clavier) | 00:02:37 |
| 11 | Impromptu F-Dur (aus: Zwölf Charakterstücke für's "neue" Clavier) | 00:03:56 |
| 12 | Melancholie f-Moll (aus: Zwölf Charakterstücke für's "neue" Clavier) | 00:03:24 |
| 13 | Fuge es-Moll (aus: Vier Fugen für Klavier) | 00:04:17 |
| 14 | Fuge Fis-Dur (aus: Vier Fugen für Klavier) | 00:03:15 |
| 15 | Fuge G-Dur (aus: Vier Fugen für Klavier) | 00:02:37 |
| 16 | Fuge A-Dur (aus: Vier Fugen für Klavier) | 00:04:11 |
| 17 | Was sich der Wald erzählt op. 8 (Waldmärchen, Skizze für das Pianoforte) | 00:08:50 |
Interpreten der Einspielung
- Jürg Hanselmann (Klavier)
