Detlev Glanert: Schwesterstücke zu Haydn und Brahms
Aufführungen in Hamburg und Erfurt
Als eine Art aufschlussreiches „maskiertes Zweitleben“ empfindet Detlev Glanert seine kompositorischen Auseinandersetzungen mit Musik von Größen wie Mahler, Schubert, Liszt oder Isaac. Jüngst ist es das Werk von Haydn und Brahms, das Glanert beschäftigt hat – zu erleben im Dezember mit einer brandneuen Sinfonia in Hamburg sowie der Europa-Premiere von Vexierbild in Erfurt.
Neue Reihe "ZeitSpiel"
In der ersten Spielzeit unter dem neuen Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber lädt das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter dem Motto „ZeitSpiel“ sein Publikum ein, „in spielerischen Dialogen zwischen Alt und Neu, Tradition und Gegenwart, Kontext und Subtext die Grenzen des Gewöhnlichen zu überschreiten“. Hierfür wurden zehn Komponisten gebeten, neue Werke zu schreiben, die bewusst einen Bezug zu ihren großen „Kollegen“ von Bach bis Mahler herstellen. Im Rahmen der Philharmonischen Konzertreihe erklingt am 21. Dezember in der Elbphilharmonie die Uraufführung von Detlev Glanerts Sinfonia, in der der Komponist sich auf die Orchestermusik Joseph Haydns, ihre Strukturen und ihre prägende, bleibende Kraft bezieht.
Auseinandersetzung mit großen Vorgängern
Die komponierende Auseinandersetzung mit dem Denken großer Vorgänger wie beispielsweise Brahms, Schubert, Isaac, Liszt oder Mahler hat in das Schaffen von Detlev Glanert tiefe Spuren eingegraben. Die daraus resultierenden Werke sind keine Stil-Imitationen, sondern „das experimentelle Versetzen der eigenen Persönlichkeit und andere Strukturen und Zusammenhänge“, so der Komponist. So hat Glanert auch bei seiner neuen Sinfonia sich einiger Techniken Haydns angenommen, um, immer als Mensch des 21. Jahrhunderts, spielerisch in die Zeit Haydns, seine Persönlichkeit und „Bedingtheiten“ einzutauchen. Sinfonia ist klassisch besetzt mit ein- bis zweifachen Bläsern (ohne Klarinetten und Posaunen) und in Introduktion plus drei Sätze gegliedert. Aufgegangen in der Komposition ist das im März 2025 von der Kammerakademie Potsdam uraufgeführte Con Spirito.
Premieren in Hamburg und Erfurt
Im Hamburger Konzert, das am Folgetag wiederholt wird, tritt Glanerts Stück in spielerischen Dialog mit insgesamt drei Schwesterwerken Joseph Haydns, der Trauersymphonie (Nr. 44), der Abschiedssymphonie (Nr. 45) sowie La Passione (Nr. 49) – sämtlich aus einer Moll-Tonart ausgehende Werke, die zwar den für ihren Schöpfer charakteristischen ‚Witz‘ in sich tragen, jedoch zugleich stark emotional grundiert sind.
Eine weitere, unter den oben beschriebenen Vorzeichen stehende Partitur Glanerts erlebt am 11. Dezember ihre Europa-Premiere beim Philharmonischen Orchester Erfurt unter Leitung von Roland Böer. Es handelt sich um eines von vier Orchesterwerken, die in Bezug auf die Sinfonien von Johannes Brahms entstanden sind – Vexierbild als deren letztes zur Dritten wurde im Sommer 2024 beim Grand Teton Music Festival unter Donald Runnicles uraufgeführt.
Alle diese Begleitstücke setzen sich unter Rückgriff auf vorgefundene strukturelle Elemente mit der Gedankenwelt der Brahms’schen Sinfonien auseinander. Gern werden sie im Konzert mit ihnen gekoppelt, haben sich aber auch in anderen Zusammenhängen bewährt und interessante Klang-Beziehungen entfaltet. Diese vier Werke sind:
Detlev Glanert:
- Brahms-Fantasie (2011–12)
- zu Brahms’ Sinfonie Nr. 1 c-Moll
- Idyllium (2018-19)
- zu Brahms’ Sinfonie Nr. 2 D-Dur
- Vexierbild. Kontrafaktur mit Brahms (2023)
- zu Brahms’ Sinfonie Nr.3 F-Dur
- Weites Land (2013)
- zu Brahms’ Sinfonie Nr. 4 e-Moll.
