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ARD-Musikwettbewerb

75. ARD-Musikwettbewerb – Fagott

Semifinale

Das Semifinale erwies sich für die sechs Preis-Kombattanten als echter Härtetest hinsichtlich Konzentration und Ansatz. Diesmal galt es, die gestrenge Jury mit zwei Konzerten und der Auftragskomposition Settling von Nina Ŝenk zu überzeugen. Bezüglich der Konzerte von Antonio Vivaldi bestand die Auswahlmöglichkeit aus einer Liste von 10 Werken. Hinzu kam das 1979 vollendete – in seiner an französische Chansonmelodik sehr unterhaltsame, wenngleich höchst virtuose – Konzert für Fagott und 11 Streichinstrumente von Jean Françaix, das dem Interpreten bei 25-minütiger Aufführungsdauer kaum Entspannungspausen gewährt. Dies auch deshalb nicht, weil beide Konzerte ohne Dirigenten musiziert werden mussten.

Das Auftragswerk

Settling von Nina Ŝenk besteht aus den folgenden Bausteinen: einem mehrfach wiederholten Quint-Ruf R vom tiefen Cis auf das eingestrichene Gis, das als Flageoletton mit minimaler Luft erzeugt werden muss; bukolischen Figurationen F, die an Debussys Syrinx oder Faun erinnern und einem quasi mehrstimmig gedachten Abschnitt M, wie man ihn auch aus den Solowerken für Blasinstrumente des Barock kennt, der hier jedoch auf drei Systemen ausnotiert ist, wobei die melodischen wichtigen Elemente durch ein Klappen-Vibrato (Bisbigliando) akzentuiert werden. Die Form ergibt sich dann folgendermaßen:

R F M R F M Coda.

Die Harmonik ist chromatisch-freitonal mit deutlichen Zentren auf Cis, E und A, wobei der Tonumfang des Instruments vom Kontra-B bis zum zweigestrichenen F voll ausgenutzt wird. Aufgrund der klaren Struktur und der nur spärlichen Verwendung avantgardistischer Effekte, kann man sich dazu recht gut eine Geschichte ausdenken. Selbst die sparsam eingesetzten Mehrfachklänge machen sich in diesem Kontext gut.

Die ersten drei Teilnehmer

Den Anfang machte Augusto Velio Palumbo (Italien) mit dem C-Dur Konzert RV 475 von Vivaldi, welches er eher etüdenmäßig mit relativ verwaschener Artikulation als Pflichtübung absolvierte. Zudem hatte er sich nicht genau überlegt, an welchen Stellen er den Bass mitspielen sollte. Dementsprechend klappte die Koordination mit dem Orchester nur bedingt. Wesentlich besser geriet der Françaix, bei dem besonders die melodisch pikanten Stellen schön herausgearbeitet wurden. Die Auftragskomposition wurde eher korrekt jedoch nicht inspiriert wiedergegeben,

Carlos Martin Esteve (Spanien) blies Vivaldis Es-Dur-Konzert RV 483 technisch sehr sicher mit stupend artikulierten Triolen und war mit dem Orchester durchweg sauber koordiniert. Allerdings schien ihm unbekannt zu sein, dass um 1720 Triller auch in Italien mit einem Vorhalt von oben begonnen wurden. Sein Françaix geriet in den lyrischen Abschnitten tonlich etwas kühler, dafür in den brillanten Abschnitten funkelnd und witzig. In Settling wurde wirklich Musik gemacht und Spannung erzeugt.

Enrico Bassi (Italien) nahm mit großem Ton für sich ein. Allerdings war auch er in Vivaldis d-Moll-Konzert RV 481 aufführungspraktisch nicht auf einem neueren Stand, denn auf Leittöne gehört nun mal ein Triller und auf die Vorhalte in der Malipiero-Ausgabe sollte man nicht allzu viel geben. Der Françaix gelang eher rasant als wirklich witzig, was an der Bevorzugung des Volumens zulasten der Klangfarbenvielfalt lag. Settling wurde anständig, jedoch nicht überaus verständnisvoll abgeliefert.

Stärkere zweite Teilnehmergruppe

Die durchweg stärkere zweite Teilnehmergruppe begann mit Jappe Dendievel (Belgien), der ebenfalls das Es-Dur-Konzert wählte. Hier waren die Tempi wesentlich stimmiger, dazu verzierte er geschmackvoll, was auch das Münchener Kammerorchester mit perfektem Zusammenspiel honorierte. Das Françaix-Konzert nahm er weniger spielerisch, sondern rückte es in die Nähe des jungen Strawinsky und Hindemith. Auch hier blieb der vorbildliche Kontakt zu den Streichern erhalten. Sehr reizvoll, die Saxophon-Farben, mit denen er seine hohe Lage variieren konnte. Dabei gerieten die virtuosen Passagen in makelloser Gestochenheit. Settling musizierte er außerordentlich geschmeidig und durchdacht.

Laure Thomas (Frankreich) begann anders als ihre Kollegen mit dem Françaix-Konzert. Ihr gelang die authentischste Interpretation, da sie als Einzige kein Heckel-Fagott, sondern ein französisches Buffet-Basson blies, das weltweit nur noch von einer Firma hergestellt wird. Sie ließ die Kantilenen blühen und konnte jeden rhythmischen Witz genüsslich auskosten, da diese Instrumente wesentlich agiler in der Ansprache sind. Da sie das Basson exzellent beherrscht, waren auch hinsichtlich Tragfähigkeit und Volumen keinerlei Abstriche zu machen. Grandios, das sollte der BR unbedingt auf CD herausbringen, zumal das Konzert bisher nur in einer einzigen Aufnahme vorliegt. Zudem bewies sie, dass Vivaldis d-Moll-Konzert bei schlankerer und flexiblerer Tongebung durchaus gewinnt.

Settling, das klar für das Heckel-Modell komponiert wurde, verlor ein paar Mehrklänge, wurde aber trotzdem aus tiefem Verständnis heraus gestaltet.

Die beste Leistung des Semifinales bot Johanna Bilgeri (Österreich). Sie spielte das Vivaldi-Konzert in C-Dur RV 467 mit höchst eleganten Verzierungen und einem echten Verständnis für barocke Affekte und Rhetorik. Der Françaix schien ihr selbst Spaß zu bereiten, so lustvoll wurde er von ihr mit den 11 inspirierten Streichern dargeboten. Die Frechheiten zündeten, die Passagen perlten perfekt und die Kantilenen wurden innig ausgesungen. Sie vermochte es mit Settling eine solche Spannung und einen solchen Sog zu erzeugen, dass man im arg geschrumpften Publikum die berühmte Stecknadel hätte fallen hören. Großartige Musikerin!

Das Münchener Kammerorchester, dass man für seine Geduld und Flexibilität gar nicht genug loben kann, erhielt vom Publikum einen entsprechenden Applaus.

Die Finalisten

Als Finalisten wählte die Jury Enrico Bassi, Jappe Dendievel und Laure Thomas. Ich hätte mir statt Bassi Johanna Bilgeri gewünscht.

Thomas Baack (09.09.2026)

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