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Besprechung CDDear Franz

Dear Franz

Duo Ebano

7 Mountain Records 7MNTN-067

1 CD • 50min • 2025

09.05.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Das Duo Ebano, bestehend aus dem Klarinettisten Marco Danesi und dem Pianisten Paolo Gorini, hat sich dezidiert zum Ziel gesetzt, Grenzen zu überschreiten: „Genregrenzen haben wenig Relevanz für sie“, wie es das Beiheft formuliert. Und so ist auch das neue Album der beiden Musiker im Sinne seines Titels Dear Franz zwar grundsätzlich eine Schubert-Hommage, aber eine sehr eigene, gewiss auch eigenwillige, die deutlich größere Volten schlägt als es die Trackliste zunächst vermuten lässt.

Erweitertes Instrumentarium nebst elektronischen Klängen

Naturgemäß muss ein Schubert-Album für Klarinette zum allergrößten Teil aus Arrangements bestehen (als einziges Original steht Der Hirt auf dem Felsen in der Mitte des Albums, solide dargeboten mit der Sopranistin Elisabeth Hetherington als Gast, und für diese Darbietung zeichnet der Pianist Paolo Gorini verantwortlich. Allerdings ist bereits die Wahl des Instrumentariums ungewöhnlich: spielt Danesi neben Klarinette und Bassklarinette auch die armenische Duduk, und Gorini ist nicht nur am (teilweise präparierten) Klavier zu hören, sondern auch an Toy Piano und Seabord, wie überhaupt elektronische Klänge eine zentrale Rolle in diesem Programm spielen. An der entsprechenden Ästhetik scheiden sich vermutlich die Geister, und ich selbst kann nicht verhehlen, etwa den scheppernd-elektronischen Beginn des Erlkönigs oder das spezielle „Wimmern“ des Seabords in der Kombination (sic) der langsamen Sätze aus den letzten beiden Klaviersonaten Schuberts recht befremdlich zu finden.

Variationen über Variationen

Das umfangreichste hier vertretene Werk ist Gorinis Adaption der Variationen über „Trockne Blumen“ D 802. Ein Arrangement im engeren Sinne liegt hier nur am Anfang und am Ende vor: Introduktion und Thema werden zunächst direkt übertragen, und die finale Variation 5 ist ebenso ein unmittelbares Arrangement von Schuberts Variation 7, während Variation 4 sozusagen „zurückführt“, indem sie allmählich in den Schluss von Schuberts Variation 6 mündet. Dazwischen entfernt sich Gorini immer weiter von Schuberts Original, schreibt eigentlich eher seine eigenen Variationen über Schuberts Variationen (insofern eine Art Metavariationen), teilweise unter freier Verwendung mancher Motive, die isoliert, mit anderen Themen (aus der Schönen Müllerin) konfrontiert und neu kontextualisiert werden, teilweise auch lediglich unter Verwendung von Schuberts harmonischem Gerüst. Die 2-gegen-3- bzw. 4-gegen-3-Rhythmik von Schuberts Variation 3 animiert Gorini in seiner eigenen Variation 2 u.a. zu einem entsprechenden Einsatz des Toy Pianos, das diese eigentlich ja leichten Irregularitäten halb unter die Lupe nimmt, halb in einem Zerrspiegel betrachtet. Variation 3 schließlich bietet ein ausgedehntes Duett von Duduk und Seabord.

Hereinzoomen in Details

Das, was hier im Rahmen des Einsatzes des Toy Pianos beschrieben wird, ist für Gorinis Ansatz insgesamt typisch: ihn interessiert weniger Schubert als Erzähler, als Komponisten der berühmten „himmlischen Längen“, der so stupend über lange Strecken einen kontinuierlichen, völlig natürlich anmutenden musikalischen Fluss aufzubauen und aufrechtzuerhalten versteht, sondern er zoomt eher in Details herein, die er dann näher untersucht, gerne auch mit elektronischen Mitteln. Man beachte etwa die Adaptionen des ersten und letzten Lieds der Winterreise, die das Album gleichsam einrahmen. Die winterliche Ödnis des Leiermanns und speziell seine „leeren“ Quinten reflektiert Gorini in Form von über zwei Minuten „Quint-Elektronik“, über der sich Fragmente von früher Erklungenem, peu à peu dann auch des Leiermanns selbst abspielen. Am Beginn des Albums pocht der Reisende in Gute Nacht ganz explizit (vergeblich) an das präparierte Klavier, und wenn sich Gorinis Adaption später enger am Original orientiert, dann werden aber doch u.a. so manche Akzente in Schuberts Notentext mit grellen Dissonanzen unterlegt. Gerade an diesem Beispiel stellt man allerdings rasch die Limitationen dieses Ansatzes fest, der natürlich expliziter, drastischer ist, und doch ist Schuberts Original eben nicht nur um Längen subtiler, sondern letztlich auch bedeutend intensiver, eindringlicher – was bei Schubert Ausdruck ist, bleibt bei Gorini Fremdkörper, gewollt. In der Summe ein Programm für Freunde des Experimentellen.

Holger Sambale [09.05.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Franz Schubert
1Gute Nacht op. 89 Nr. 1 D 911 (aus: Die Winterreise) 00:04:16
2Variationen über das Lied Trockene Blumen e-Moll op. 160 D 802 00:16:28
9Der Hirt auf dem Felsen D 965 op. posth. 129 00:10:44
10Klaviersonate Nr. 21 A-Dur D 959 00:08:22
11Erlkönig op. 1 D 328 00:04:00
12Der Leiermann op. 89 Nr. 24 D 911 Nr. 24 (aus: Die Winterreise) 00:06:20

Interpreten der Einspielung

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