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CD-Besprechung

Alexander Glazunov

Complete String Quartets

MDG 603 2245-2

5 CD • 5h 12min • 2003, 2004, 2006, 2008-2011

16.11.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

In der Geschichte der russischen Kammermusik nehmen die sieben Streichquartette Alexander Glasunows einen bedeutenden Platz ein. Neben den Werken des etwas älteren Sergej Tanejew und des ungefähr gleichaltrigen Alexander Gretschaninow können sie als hervorragendster Quartettzyklus eines russischen Komponisten der um 1860 geborenen Generation gelten. Berühmt geworden ist Glasunow vor allem als Symphoniker. Dass das Streichquartett für ihn eine mindestens ebenso wichtige Gattung darstellte, zeigt sich jedoch daran, dass er auch in späteren Jahren noch Quartette schrieb (op. 106 und op. 107), wohingegen seine letzte vollendete Symphonie, die Achte, das Werk eines 40-Jährigen ist. Die Streichquartette geben mithin einen Überblick über Glasunows gesamte künstlerische Laufbahn, vom op. 1 des sechzehnjährigen Gymnasiasten bis zum op. 107, das Glasunow 1930 in Paris komponierte, zwei Jahre nachdem er Russland für immer verlassen hatte und sechs Jahre vor seinem Tod.

Gesamtedition der Streichquartette

Das dem russischen Quartettrepertoire besonders verbundene Utrecht String Quartet hat zwischen 2003 und 2011 für MDG das gesamte Quartettschaffen Glasunows eingespielt. Diese aus fünf CDs bestehende Edition wurde nun, in einer Edition zusammengefasst, neu aufgelegt. Neben den sieben Quartetten in viersätziger Sonatenform sind darin auch die Fünf Noveletten op. 15, die gleichfalls aus fünf reizenden Charakterstücken bestehende Suite op. 35 und die späte Elegie op. 105, ein kurzes Gedenkwerk zu Ehren von Glasunows Mäzen und Verleger Beljajew, enthalten. Im Streichquintett op. 39 wird das Utrecht String Quartet, dessen Bratsche im Laufe der Aufnahmen dreimal wechselte, durch den Cellisten Michael Stierling verstärkt, der sich ausgezeichnet ins Ensemble einfügt.

Betrachtet man die insgesamt elf hier vorstellten Kompositionen, so fällt auf, dass der frühreife Glasunow kaum eine stilistische Entwicklung durchgemacht hat. Die für sein Schaffen charakteristischen Züge sind schon im op. 1 deutlich zu erkennen und bleiben bis in die letzten Quartette erhalten. Allenfalls lässt sich von einer Verfeinerung der angewandten Gestaltungsmittel sprechen. In Nachfolge seiner Mentoren Borodin und Rimskij-Korsakow kultivierte Glasunow einen Stil, in dem die satztechnische Kunst der westeuropäischen Klassiker zur Verarbeitung eines stark von der Folklore osteuropäischer und vorderasiatischer Völker geprägten melodischen Materials genutzt wird. Der erzählende Gestus russischer Lieder, die markante Rhythmik slawischer Tänze und das Kolorit orientalischer Melismen sind die Grundlagen seiner Melodik. Auch der orthodoxe Responsorialgesang mit Vorsänger fehlt nicht im Repertoire des Komponisten, wie man etwa am Beginn des Dritten Quartetts oder im Präludium der Suite hören kann. Den Gegebenheiten des Streichquartettmediums entsprechend, macht Glasunow ausgiebig von Polyphonie Gebrauch, die bei aller Meisterschaft nie demonstrativ gelehrt wirkt. Die Fugen und Fugati, mit denen die Quartette Nr. 1, 5, 7 und die Suite beginnen, entspringen ganz natürlich ihren gesanglichen Themen; und in den Tanzsätzen interagieren die Stimmen oft mit bestechender Eleganz. Unerschöpflichen Einfallsreichtum zeigt Glasunow in der Instrumentation der Stücke. Der virtuose Beherrscher des großen Orchesters darf getrost zu den Meistern in der Kunst gerechnet werden, den vier Streichern vielfältige Klangschattierungen zu entlocken: von zarter Dünnstimmigkeit bis zu quasi-symphonischer Wucht.

Organische Tempi – hohe Spielkultur

Die Darbietungen durch das Utrecht String Quartett zeugen von hoher Spielkultur und Vertrautheit mit den Eigenheiten des Glasunowschen Stils. Das Quartett gehört offenbar zu jenen Ensembles, die aufblühen, wenn es um die Wiedergabe fein gesponnener polyphoner Strukturen geht. Seine Stärke liegt im Dialog. So gelingen im allgemeinen jene Abschnitte der Werke besonders gut, in denen ein Motiv oder Thema von einer Stimme zur nächsten wandert. An diesen Stellen zeigt sich, dass die einzelnen Musiker einander gut zuhören und wissen, wann sie zu führen, wann zu begleiten haben. Auch wenn der Komponist in eine orchestral anmutende Schreibweise wechselt, halten die Utrechter tüchtig mit, obgleich man sich verschiedene Abschnitte, namentlich die achtstimmigen Akkordfolgen im Kopfsatz des Vierten Quartetts, noch kräftiger gespielt denken kann. Die gewählten Tempi überzeugen durchweg. Beschleunigungen und Verlangsamungen wirken organisch. Stets wissen die Musiker, wo sie hinwollen. Ein sehr schönes Beispiel bietet das Streichquintett mit seinen zahlreichen größeren und kleineren Modifikationen des Tempos in jedem Satz, die genau wiedergegeben werden, ohne dass dadurch das Bewegungsmoment der Musik verloren geht.

Ein bebildertes Beiheft, das sich aus den Texten der ursprünglichen Einzelveröffentlichungen zusammensetzt und zahlreiche wertvolle Informationen enthält, rundet die gelungene Produktion ab.

Norbert Florian Schuck [16.11.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Alexander Glasunow
1Streichquartett Nr. 3 G-Dur op. 26 (Slawisches) 00:28:13
5Streichquartett Nr. 5 d-Moll op. 70 00:28:03
CD/SACD 2
1Streichquartett Nr. 2 F-Dur op. 10 00:28:48
5Elegy for Strings op. 105 00:06:07
6Streichquartett Nr. 4 a-Moll op. 64 00:33:33
CD/SACD 3
1Suite C-Dur op. 35 für Streichquartett 00:35:52
6Streichquintett A-Dur op. 39 00:28:31
CD/SACD 4
1Streichquartett Nr. 6 B-Dur op. 106 00:39:49
5Alla Spagnuola op. 15 Nr. 1 (aus: Five Novelettes op. 15) 00:06:24
6Orientale op. 15 Nr. 2 (aus: Five Novelettes op. 15) 00:04:19
7Interludium in modo antico op. 15 Nr. 3 (aus: Five Novelettes op. 15) 00:04:44
8Valse op. 15 Nr. 4 (aus: Five Novelettes op. 15) 00:06:08
9All' Ungherese op. 15 Nr. 5 (aus: Five Novelettes op. 15) 00:08:20
CD/SACD 5
1Streichquartett Nr. 1 D-Dur op. 1 00:22:02
5Streichquartett Nr. 7 C-Dur op. 107 00:30:05

Interpreten der Einspielung

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