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Buchbesprechung

Edition Omega
ISBN 3-934148-6 Trossingen-Berlin, 2002

Einhard Luther
Helden an geweihtem Ort
Biographie eines Stimmfaches (Teil 2) – Wagner-Tenöre in Bayreuth (1884-1914)

444 S., zahlr. Abb.

44,00 €

Detailabbildung

3-934148-6

Jetzt, da der zweite Band von Einhard Luthers „Heldentenor-Saga“ erschienen ist, mit 444 Seiten sogar noch 58 Seiten umfangreicher als der erste (1998) und doch erst die Tenöre der Bayreuther Festspiele von 1884 bis 1914 behandelnd, mag es selbst eingefleischten Wagnerianern und eingeschworenen Heldentenorliebhabern angst und bange werden. Zeichnet sich doch eine mehrbändige, tausende von Seiten umfassende Enzyklopädie zum Spezialgebiet ‚Heldentenor‘ ab. Nach dem Plan des Verfassers soll der nächste Band den Heldentenören außerhalb von Bayreuth von 1884 bis 1914 gewidmet sein; beabsichtigt ist dann eine Fortsetzung bis zu den Tagen der „letzten Dinosauriere“ dieses Stimmfaches in den 1950er und 1960er Jahren, für die die Namen Hans Hopf und Hans Beirer stehen.

Dieser zweite Band setzt ein nach Wagners Tod 1884 und reicht bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914, zugleich das Jahr der Freigabe des Parsifal für Aufführungen außerhalb von Bayreuth. Darin enthalten ist die komplette „Ära Cosima“ (bis 1906) und der erste Teil der daran anschließenden „Ära Siegfried“ (bis 1930). Das heißt, es sind zwar eigentlich „nur“ drei Jahrzehnte, ihnen gewinnt Luther aber eine Material- und Faktenfülle ab, die ihresgleichen sucht. Der Löwenanteil des Buchs entfällt auf akribisch recherchierte, detaillierte Biographien von Tenören, die selbst Kennern allenfalls namentlich aus den – wie Luther nachweist, häufig unvollständigen und fehlerhaften – Bayreuth-Chroniken bekannt sind. Insgesamt 37 solcher biographischer Porträts enthält der Band, darunter auch einige von Sängern, die für Bayreuth-Auftritte nur im Gespräch waren bzw. dort vorgesungen haben, dann aber nicht zum Zuge kamen – der berühmteste ist Leo Slezak. Ein Begriff sind natürlich renommierte Kollegen wie Ernest van Dyck, Ernst Kraus, Erik Schmedes, Charles Dalmorès, Karl Burrian, Walter Kirchhoff, Jacques Urlus. Gänzlich unbeschriebene Blätter aber auch für Spezialisten des Wagner-Gesangs sind hingegen Zoltan Doeme, Ejnar Forchhammer, Heinrich Zeller, Fritz Rémond, Desider Matray, Alois Hadwiger, etc., etc.. Was Luther damit leistet, ist nichts weniger als die Ehrenrettung einer ganzen Tenorgeneration.

Mindestens genauso wichtig wie diese Detailarbeit sind die damit erst ermöglichten Brennweitensprünge, das heißt: die Zusammenfügung der sich aus dieser Nahsicht ergebenden zahlreichen faktischen Mosaiksteinchen zu größeren Entwicklungslinien, zu umfassenderen Überblicken. Hier gelingt es Luther, mit einigen gravierenden, immer wieder übernommenen Falschinformationen aufzuräumen, etwa mit der Behauptung von der schnellen Durchsetzung des Tristan nach der Münchner Uraufführung von 1865. Luther zeigt vielmehr, dass nach dem früh verstorbenen Ludwig Schnorr von Carolsfeld Heinrich Vogl jahrelang der einzige Tristan gewesen ist und die Rolle aber auch nur zehnmal in München und fünfmal in Weimar gesungen hat. Erst 1876 kamen Berlin als dritte Bühne und Albert Niemann als zweiter Tristan hinzu. Bis zu Wagners Todesjahr 1883 – immerhin 18 Jahre nach der Uraufführung! - war der Tristan an nicht mehr als sechs Bühnen 57mal von nur vier Tenören gesungen worden.

Als ein weiteres, aus Propagandagründen in die Welt gesetztes Märchen entlarvt Luther die Behauptung von der radikalen „Verjüngung“ des Bayreuther Ensembles seit der Festspiel-Übernahme der Wagner-Enkel. Als Vorzeigetenor aufgebaut wurde vor allem René Kollo, dem man andichtete - und der dies auch gern selbst wiederholte -, er sei der jüngste Bayreuther Steuermann, Erik, Lohengrin, Stolzing, Parsifal und Siegfried aller Zeiten. Luther belegt vielmehr, dass dies in keinem einzigen Fall zutrifft. Denn die mit Abstand jüngsten Heldentenöre aller Zeiten – und in jeder Partie – betraten in der Ära Cosima den Grünen Hügel. Sie waren im Gegensatz zu Kollo, der bei jedem seiner Debüts deutlich über 30, meist sogar über 35 Jahre alt war, bis auf zwei Ausnahmen alle unter 30.

Noch frappierender sind Luthers Statistiken im Fall des Parsifal. Sie demonstrieren eine verblüffende Tatsache, die das Gerede vom Mangel an Heldentenören zumindest für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zu Makulatur werden lässt: 1914, im Jahr der Parsifal-Freigabe, fanden nicht weniger als 491 deutsche Aufführungen statt, davon allein 93 in Berlin. Weltweit ging der Parsifal 1914 gar über 800mal über die Bühnen. Bestritten wurde diese Vorstellungsflut von sage und schreibe 150 deutschsprachigen und 21 nicht-deutschsprachigen Tenören. Daraus wird erst umso erschreckender bewusst, wie defizitär sich die heutige Situation im Stimmfach ‚Heldentenor‘ ausnimmt.

Dennoch sind auch ein paar kritische Anmerkungen angebracht. Angesichts der großteils ziemlich mäßigen Qualität des Fotomaterials, das Luther zur Verfügung stand und das offenbar überwiegend aus der zeitgenössischen Presse stammt, daher kontrastschwach und ziemlich grob gerastert ist, wäre weniger mehr gewesen. Dasselbe Motiv muss in solch mäßiger Wiedergabe ja nicht gleich mehrfach abgedruckt werden. Andererseits vermisst man – die im ersten Teil noch enthaltenen – Hinweise auf die ohnehin spärliche Literatur zum Thema (z.B. die in der verdienstvollen englischen Reihe „The Record Collector“ erschienenen Aufsätze zu van Dyck, Urlus, Schmedes, Burrian). Auch die Fundstellen von Luther ausgiebig zitierter Quellen, vor allem der Briefe, wären von Interesse. Und schließlich wäre es ein willkommener Service gewesen, discographische Angaben aufzunehmen. Auch aus der Tatsache, ob von einem Sänger überhaupt Tondokumente existieren, wenn ja, welche und in welcher Anzahl, ergeben sich ja weitere Hinweise – oder auch Widersprüche – zum künstlerischen Stellenwert.

Kurt Malisch (2.12.2002)

3-934148-6

 

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