75. ARD-Musikwettbewerb – Streichquartett
Semifinale
Das Semifinale der letzten sechs im Rennen verbliebenen Streichquartette umfasst beim ARD-Wettbewerb grundsätzlich zwei gut dreistündige Konzerte. Neben der Auftragskomposition Impermanence von Camille Pépin waren der Quartettsatz c-Moll, D 703 von Franz Schubert und eines der mittlerweile 6 Streichquartette von Pēteris Vasks zu gestalten. Letztere sind „Musik eines Streichers für Streicher“, da Vasks sowohl Violine als auch Kontrabass studierte und vor der Komponisten-Karriere als Kontrabassist in verschiedenen lettischen Orchestern seinen Lebensunterhalt verdiente. Deshalb ist er aus eigener Erfahrung in der Lage einen raffinierten, extrem virtuosen und höchst originellen Streichersatz in seinen polystilistischen Kompositionen einzusetzen, die äußerst aggressive mit meditativen, melodiesatten Sätzen verbinden.
Das Auftragswerk des Wettbewerbs Impermanence für Streichquartett
Impermanence bedeutet in der Philosophie, dass „alles fließt“ und nichts unverändert dauern kann, eben, dass nichts Permanenz hat. Die französische Komponistin Camille Pépin (Jg. 1990) wurde zu ihrem Streichquartett durch das gleichnamige Triptychon der Malerin Fabienne Verdier angeregt, das unterschiedliche schwarze Wellenmuster auf weißem Grund zeigt.
Das Werk selbst ist definitiv tonal und lehnt sich an Strukturen der Minimal Music an. Klangfiguren wiederholen sich permanent. Es entsteht allerdings im Gegensatz zu vielen minimalistischen Kompositionen nicht der Eindruck einer „Klangtapete“, da die Wasserwellen immer wieder von Windstößen unterbrochen und abgelenkt werden. Die beiden ersten Sätze in g-Moll und A-Dur sind kurz und gehen direkt ineinander über. Der dritte Teil beginnt in einem beruhigten d-Moll und endet unter Wiederaufnahme der Bewegung der ersten beiden Sätze in A-Dur. Äußerst knifflig wird das ganze durch permanent wechselnde Spielanweisungen wie Flageolett-Tremoli, Pizzicato mit der Griffhand, während eine andere Saite weiter gestrichen werden muss, übergangslose Wechsel auf die Holzseite des Bogens (col legno).
Die ersten drei Streichquartette
Den Nachmittag eröffnete das Katarina String Quartet (USA und Kanada) fulminant mit einem Schubert, der wirklich unter die Haut ging und elektrisierte. Sehr poetisch wurden die Kontraste ausgespielt und in den Ausbrüchen mit feiner Agogik Spannung aufgebaut. Der Ton der ersten Geigerin Jeanel Liang war in den lyrischen Abschnitten wirklich berückend.
Impermanence wurde eher mit kräftigen Farben und ordentlichem Drive gestaltet. Die vielen „zarten Schimmer“ fordernden Anweisungen wurden ignoriert, was der Wirkung jedoch keinen Abbruch tat.
Vasks‘ 5. Streichquartett gelang zwingend und hoch emotional, da die Vier nicht Wirkung demonstrierten, sondern wirklich im Stück lebten und gemeinsam wie ein großes Streichinstrument klangen.
Das Isla String Quartet (Japan, UK, Spanien) wirkte dagegen im Schubert klassizistisch-kühl und nicht hundertprozentig zwingend. Impermanence wurde mit geringerem Engagement abgespult, zwar stimmten die Töne, aber ein Funke sprang nicht über. Vasks‘ 3. Streichquartett gelang ausgezeichnet, zeigte eine wunderbar reiche Farbpalette, sprechende Darbietung der melodischen Phrasen und eine hervorragende Klangbalance. Leider machten die komponierten Ruppigkeiten des Allegro energico ein Nachstimmen erforderlich unter dem die Konzentration für das Folgende ein wenig litt.
Das Quartett HANA (Japan, Süd-Korea, Taiwan, NL) begann mit einer Impermanence, die den Wandel im Wind endlich einmal deutlich machte, indem die vorgeschriebene Dynamik ernst genommen wurde. Dabei wurde intensiv miteinander kommuniziert und die Vier hatten ersichtlich Freude an ihrem Tun. Der Schubert geriet dank grandioser Binnenagogik exzellent und zwang zur Gänsehaut.
Vasks‘1. Streichquartett, das kürzeste und avantgardistischste der Werkgruppe mit exponierten Flageolett-Glissandi geriet viszeral und äußerst zwingend. Der ruhige Schlusssatz wirkte ungemein anrührend, nicht zuletzt durch die wunderbar gesungenen Soli von Bratsche und Cello.
Die zweite Gruppe mit dem Schubert am Schluss
Das Quartet KAIRI (China und Japan), der einzige „reine Männerbund“, begann seinen Vortrag mit Vasks‘ 4. Streichquartett, dem längsten der Serie. Es handelt sich um eine axialsymmetrisch angelegten Komposition, in der der zentrale Choral von jeweils einem langsamen und schnellen Satz flankiert wird. Die schnellen Sätze sind rhythmisch komplex und hier mehr folkloristisch tänzerisch als ruppig, die langsamen archaisch meditativ, an englische Gambenfantasien, die teilweise mit Vogelgezwitscher in den höchsten Lagen garniert werden, erinnernd. Die tänzerischen Abschnitte erhielten den nötigen Drive, der fast ein wenig an Hard Rock denken ließ, die meditativen Abschnitte wurden wundervoll poetisch ausgesungen.
Impermanence erhielt ebenfalls eine differenzierte Wiedergabe. Zum Höhepunkt geriet definitiv der Schubert, der sehr kantabel – quasi als Ballade – gestaltet wurde. Der Primarius nahm die kurzen Kadenzen sehr schön frei, die Harmonik war in Bezug auf die Spannungsverläufe sehr fein ausgehört. Souverän atmend beschreibt wahrscheinlich diese Interpretation am treffendsten.
Das Fugue Quartet (Japan) hatte sich ebenfalls für Vasks‘ 1. Streichquartett entschieden. Die avantgardistisch ruppige Intrada gelang außerordentlich souverän in Klang und Zusammenspiel. Für die abschließende Melodia fehlte der Primaria jedoch die nötige Süße.
Impermanence geriet etwas zu erdennah und vermochte nicht zu fesseln. Dem Schubert fehlte für den eigentlich schönen kantablen Interpretationsansatz eine in der Höhe wirklich süß tönende erste Violine. Die Klangdifferenzierung und Binnenagogik innerhalb der Forte-Ausbrüche haben die Konkurrenten vielfach überzeugender gestaltet.
Dem Viatores Quartet (Deutschland) gelang dann der krönende Abschluss. Eine meisterhaft ausgehörte Wiedergabe von Vasks‘ 3. Streichquartett mit wütender, aber in jedem Moment kontrollierter Rasanz in den turbulenten Abschnitten und wirklich berührender, schmerzlicher Lyrik in den Cantabile-Abschnitten. In Impermanence wurden die Anweisungen minutiös beachtet und umgesetzt. Endlich einmal ein subtiles Changieren zwischen pianissimo und mezzopiano, das wirklich Wind und Wellen malte. Der Schubert geriet äußerst spannungsvoll und souverän. Feine Agogik, süßes Flautando und beherzter Zugriff trieben das Drama ins Relief. Dafür gab es dann mit vollem Recht auch den enthusiastischsten Applaus.
Die Finalisten
Das Viatores Quartet, das Katarina String Quartet und merkwürdigerweise das Fugue Quartet werden das Finale bestreiten. HANA und KAIRI oder vielleicht sogar beide hätten es meiner Meinung nach wesentlich eher verdient gehabt.
Thomas Baack (11.09.2026)

